Objekt des Monats Februar 2012

Schlittschuhe

Ein Winter mit klirrender Kälte und zugefrorenen Gewässern ist selten geworden. Aktuell versorgt uns gerade das Hoch „Cooper“ mit eiskalten Temperaturen und Sonnenschein. Nach einer Woche Dauerfrost hat sich auf vielen Seen bereits eine Eisschicht gebildet, aber nur mit Glück erreichen wir in diesem Winter noch eine genügend dicke und sichere Eisdecke. Mindestens 13 Zentimeter muss diese stark sein, sonst könnte es uns ergehen wie dem deutschen Dichter Georg Heym, der vor 100 Jahren beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ertrank.

Trotz der Risiken gehört das Schlittschuhlaufen zu den schönsten Vergnügungen im Winter. Früher konnten die Elmshorner jedoch wesentlich häufiger dem schnellen Gleiten auf dem Eis nachgehen als in den letzten drei Jahrzehnten, da fast in jedem Jahr ausreichend lange Dauerfrost herrschte.

Damals war Elmshorn ein Schlittschuhparadies. Der Oberlauf der Krückau war im Winter kilometerweit seenartig aufgestaut. Alle Wiesen standen dort großflächig unter Wasser. Ursache war die Staugerechtigkeit der Wassermühle am Mühlendamm. Sie war die älteste Mühle Elmshorns, seit 1328 ist an dieser Stelle des Mühlendamms eine Kornwassermühle nachweisbar. Diese wurde von einem hölzernen Wasserrad durch das Stauwasser der Krückau angetrieben. Zur Nutzung der Wasserkraft war die Anlage eines Staudammes (= Mühlendamm) notwendig. 1854 wurde die Mühle mit leistungsfähigeren Turbinen ausgestattet. Trotz der Anschaffung einer Dampfmaschine als zusätzliche Antriebskraft wurde bis zum Jahr 1938 die Wasserkraft als wichtige Energiequelle genutzt. Mit dem Ende des Wasserantriebs verlor die Elmshorner Bevölkerung auch diese große Eisfläche.

Der 1863 geborene Elmshorner G. A. Schmidt berichtet über das Eislaufen auf dem zugefrorenen oberen Lauf der Krückau und der Offenau: „Es hat gewiss nicht viele Orte gegeben, die eine so große und schöne Eisbahn boten wie Elmshorn. Die Bahn reichte nach Nordosten bis Offenau und weiter, nach Südosten bis Bullenkuhlen. Überall boten die begleitenden Wälder und Knicks ein hübsches Bild. Allerdings forderte das Eis in fast jedem Jahre ein oder mehrere Opfer. Direkt verrufen war der südliche Lauf kurz vor der Schleusenkuhle (am Mühlendamm). Wenn Eis und Schnee lange ausblieben, vergnügten sich unternehmungslustige ältere Schuljungens damit, über die Gräben, Richtung Sibirien, zu traben und zu springen, um abends über Sparrieshoop rechtzeitig ins Haus zu kommen. Der Knösel (die Shagspfeife oder eine ausgehöhlte Kastanie) und gemeinschaftlich gekaufter Tabak waren unsere Begleiter.“

Der junge Schmidt besaß Schlittschuhe ähnlich den Eiskufen aus dem Industriemuseum Elmshorn, die etwa um 1880 gefertigt worden sind. Die Metallkufen sind in Hartholz eingearbeitet und wurden im Fersenbereich mit Lederriemen am Schuh des Schlittschuhläufers befestigt. „Unsere Schlittschuhe hatten verschiedene Formen. Als Anfänger benutzte man Hohlläufer, deren Eisenschiene leicht hohl geschliffen war. Weit leichter lief es sich auf Glattläufern. Die besten Schlittschuhe waren die „Siethwender“. Sie hatten lange, oft schneckenförmig gewundene Schnäbel. Befestigt wurden die Schlittschuhe mit Bändern oder Riemen und Hackenleder. Zur besseren Befestigung dienten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Schrauben im Fersenteil.“

Die Kunst der schnellen Fortbewegung auf dem Eis ist übrigens im wahrsten Sinne des Wortes uralt. Im gesamten nördlichen Raum sind Schlittschuhe aus Tierknochen gefunden worden, die ältesten der sicher als Schlittschuh identifizierten Funde datieren um 3000 vor Christus. Die gespaltenen und geschliffenen Unterschenkelknochen von Pferden, Rindern oder Rentieren wurden durchbohrt und an die urzeitliche Fußbekleidung geschnürt. Mittels eines Speeres oder mit angespitzten Stöcken konnten sich unsere Vorfahren so rasant über zugefrorene Flüsse und Seen bewegen. Besonders beliebt zum Schlittschuhbau waren auch Schweinebeinknochen – davon zeugt noch heute angeblich die Bezeichnung „Eisbein“ für das traditionelle Schweinefleischgericht.

Im Gegensatz zum Knochen ermöglicht der exakte Schliff der eisernen Kufen dem Läufer eine elegant kurvenreiche Fahrt, falls die Befestigung am Schuh hielt. In den Jugenderinnerungen Schmidts heißt es: „Ende der 1870er Jahre wohnte am Flamweg der Schlosser Winterboer. Er schliff mir öfter meine Schlittschuhe nach der Weise seiner Heimat. Dort schliffen die Schlosser täglich am Vormittag die Schlittschuhe und liefen am Nachmittag selber Schlittschuh. Sie nährten sich also tätlich (da im Winter die Arbeit knapp war) und redlich vom Schlittschuhlaufen.“ Der besagte Schlosser Winterboer stammte ursprünglich aus den Niederlanden, dort begeistert das Schlittschuhfahren seit Jahrhunderten alle Generationen.

Die gefrorene Oberfläche der Naturgewässer ist häufig uneben und kann unterschiedliche Stärken der Eisschicht aufweisen. Über die Stolperfallen hinaus, besteht immer auch die Gefahr des Einbrechens in das tiefe eiskalte Wasser. Entsprechend beliebt sind künstliche Eisbahnen. So berichtet der Elmshorner Ernst-Gerd Scholz aus seiner Kinderheit, dass der Elmshorner Lawn-Tennis-Club die Tennisplätze an der Kaltenweide in der Nachkriegszeit im Winter geflutet hat, um der Jugend das Eisvergnügen ohne Gefahr zu ermöglichen. In der Nachfolge bietet das „Elmshorner Eisvergnügen“ auf dem Holstenplatz sogar in den warmen Dezembermonaten der letzten Jahre eine spiegelglatte Fläche.

Inzwischen hat sich in der Schlittschuhtechnik viel getan. Bei den Museums-Schlittschuhen musste die dicke Schraube in den Schuhabsatz gedreht werden. Wenn Sie sich ein genaueres Bild von dieser wenig schuhfreundlichen Prozedur machen wollen, können Sie die Schlittschuhe diesen Monat im Erdgeschoss des Industriemuseums besichtigen. Schonender war die Befestigung der Kufen mit Metallklemmen, die mit einer Kurbel in der Breite verstellt werden konnten. Eine große Innovation ist erst die feste Verbindung von Schuh und Kufe. Dieser eigentliche Schlittschuh wurde bereits im 19. Jahrhundert erfunden, aber die Lederschuhe waren bis in die 1960er Jahre hinein zu teuer in der Anschaffung für die Mehrheit der Schlittschuhläufer. Aktuell sind Kufen zum Austausch der Rollen bei Inline-Skates sehr praktisch.

Falls die Kälteperiode also länger anhalten sollte – seien sie vorsichtig und zur Not hilft ja vielleicht ein Stoßgebet zur heiligen Lidwina von Schiedam, die auch als Schutzpatronin der Schlittschuhläufer gilt.

Inventar-Nummer A 0143
Maße Länge 30,5 cm
weitere Objektbezeichnung Eiskufen
Datierung um 1880
Material Holz, Eisen, Leder