Objekt des Monats Januar 2025
Leichtfüßig und standfest: Sandaletten aus Vietnam
Autorin: Karen Buchholz
| Datierung |
2020er Jahre |
| Material |
Grundmaterial aus formstabilem Schaum, Laufsohle aus Kunststoff, Zehen- und Ristriemen aus festem Samtstoff, besetzt mit Glaskristallband bzw. Glaskristallornament auf Metall |
| Maße |
Länge 21 cm (durch die Keilform 21,5 cm Sohlenlänge), 5,2 cm Absatzhöhe |
| Hersteller | Unbekannt |
| Inventarnummer |
Leihgabe einer Elmshornerin vietnamesischer Herkunft |
Leichtfüßig und standfest: Sandaletten aus Vietnam
„Gib einer Frau die richtigen Schuhe und sie erobert die Welt“, soll Marilyn Monroe gesagt haben.
Tatsächlich sind Schuhe als Fußbekleidung die Grundlage der Garderobe eines Menschen und dienen mehreren Zwecken. Der Schutz beim Laufen ist in der modernen Welt unabdingbar, schon um Verletzungen, Auskühlung und Verschmutzung der Füße zu vermeiden. Barfuß laufen macht nur in der Wohnung oder am Strand Sinn und vielleicht noch im eigenen Garten. Sogar im Schwimmbad tragen die meisten Menschen zum Schutz vor Fußpilz oder aus Gründen der Rutschfestigkeit Badelatschen auf dem Weg zum Becken. Schuhmode geht aber weit über die bloße Schutzfunktion hinaus. Die Fußbekleidung hat wie alle Kleidungsstücke immer auch eine modische und repräsentative Bedeutung. Sie ist geprägt durch kulturelle Einflüsse, drückt aber auch individuelle Bedürfnisse und Vorlieben aus und ist damit ein Mittel der nonverbalen Kommunikation.
Sandalen gehören zu den ältesten Schuhformen, sie ist aus vielen Kulturen des Altertums bekannt und ist einfach aufgebaut: Eine Sohle wird mit Riemen am Fuß befestigt. Die Sandalette weist als feminine Form der Sandale einen Absatz auf. Diese modernen Sandaletten sind das Objekt, das eine Vietnamesin aus ihrem Heimatland mit nach Deutschland gebracht hat. Bei der ersten Veranstaltung „Objekte aus aller Frauen Länder“ wurden sie vom Publikum sehr bestaunt – wegen ihrer Eleganz, aber vor allem auch aufgrund der besonders kleinen Schuhgröße.
Die beiden Abende zu diesem Thema waren Veranstaltungen im Rahmen der Sonderausstellung „Objekte erzählen Elmshorner Frauengeschichte“ im Industriemuseum Elmshorn. Mehrere Elmshorner Frauen mit unterschiedlicher ausländischer Herkunft brachten Objekte aus ihrer Heimat mit, die für sie als Frau von Bedeutung sind, stellten sie dem Publikum vor und beantworteten viele interessierte Fragen zu den Gegenständen, ihrem Land und ihrer eigenen Lebensgeschichte. Auffällig ist, wie klein die vietnamesischen Sandaletten uns nordeuropäischen Menschen erscheinen. Sie weisen gerade mal eine Sohlenlänge von 21, 5 cm auf, dies entspricht Schuhgröße 34. Hierzulande eine Kindergröße, da aber in Vietnam Frauen durchschnittlich lediglich 1,56 m groß sind, ist die Sandalette ein ganz normaler Frauenschuh. Die Besitzerin berichtete, dass diese Fußbekleidung von sehr vielen Frauen in Vietnam getragen werde. Sie selbst besitzt mehrere Exemplare. Die Sandaletten aus formstabilem Schaumstoff sind mit 126 Gramm pro Schuh sehr leicht und halten am Fuß nur mit zwei Riemen um den Rist und den großen Zeh und sind damit maximal luftig. In weiten Teilen Vietnams ist es fast rund ums Jahr sehr heiß und oft auch schwül, daher sind Schuhformen, in denen die Menschen möglichst wenig schwitzen, ideal.
Die Riemen dieser Sandaletten sind aus sehr weichem, dennoch festem Samt und drücken somit nicht. Am meisten ins Gewicht fällt bei den ansonsten schlicht schwarzen ultraleichten Schuhen die üppige Verzierung. Der Ristriemen ist mit einem Band aus 12 großen Glaskristallen und 240 kleinen Glitzersteinen benäht und den Zehriemen schmückt ein blütenförmiges Ornament aus verschieden großen in Metall eingefassten Glitzerkristallen. Die Laufsohle mit Keilabsatz weist ein stabiles rutschfestes Profil auf, ein Hinweis darauf, dass die Schuhe nicht nur dekorativ aussehen sollen, sondern durchaus straßentauglich für den alltäglichen Gebrauch gefertigt sind. Die Trägerin wird mit ihnen um insgesamt 5,2 cm Absatzhöhe größer, davon entfallen 2,1 cm auf die Plateausohle, wodurch mehr Tragekomfort erreicht wird. Damit erlangt eine normal große vietnamesische Frau noch nicht die Höhe ihrer männlichen Mitbürger, die durchschnittlich ca. 168 cm groß sind, aber sie begibt sich mit einer solchen erhöhten Sandalette ein wenig mehr auf Augenhöhe.
Frauen in Vietnam haben oft keinen leichten Stand. Das kommunistisch regierte Land fußt auf dem Konfuzianismus und mit der Heirat wechselt die Frau in die Familie des Mannes. Aufgrund unzureichender sozialer Absicherung sind alte Menschen auf die Versorgung durch ihre Söhne und deren Familien angewiesen. Das Ziel vieler Familien ist daher, mindestens einen Sohn zu haben und aus diesem Grund kommt es vor, dass trotz Verbot geschlechtsselektiver Schwangerschaftsabbrüche weibliche Embryos abgetrieben werden. Die Regierung hat verschiedene Maßnahmen zur Geschlechtergleichheit initiiert und es gibt mittlerweile auch etliche wirtschaftlich erfolgreiche Frauen in Vietnam, trotzdem ist es noch ein weiter Weg bis zur Gleichstellung der Geschlechter.
Die Sonderausstellung „Objekte erzählen Elmshorner Frauengeschichten“ ist von der Frauengeschichtswerkstatt am Industriemuseum erarbeitet worden und noch bis zum 05.01.2025 zu sehen. Am Sonntag, den 05. Januar findet um 14.00 Uhr die Finissage statt. Die Frauengeschichtswerkstatt hat Beiträge zu ausgewählten Objekten und Kommentare zur aktuellen Entwicklung frauenspezifischer Themen vorbereitet. Es gibt Musik sowie die Möglichkeit, den Katalog zur Ausstellung vergünstigt zu erwerben. Alle Interessierten können nicht nur ein letztes Mal die Gelegenheit wahrnehmen, die Sonderausstellung zu besuchen, sondern sind auch zum Austausch über Objekte und Lebensgeschichten von Frauen eingeladen.