Das besondere Objekt Oktober 2025

Aus der Not geboren: Ein Schachspiel aus dem 2. Weltkrieg.

Objektdaten

Datierung: 1944
Material: Holz/Metall
Maße: 34,3 × 18,3 × 4,2
Inventarnummer: 2014-0053
Sachgruppe: Spielzeug / Spiel / Sport

DIY – Ein besonderes Schachbrett

Dieses Schachspiel ist mehr als nur ein Brettspiel, es ist ein Stück Geschichte. 1944 fertigte ein gewisser Johann aus Elmshorn in einem englischen Kriegsgefangenenlager das Spiel an. Das Holz nahm er aus dem Feuerholzvorrat in der Küche, die schwarzen Figuren färbte er mit Ruß. Trotz der knappen Mittel wirkt das Ergebnis erstaunlich sorgfältig.

Verbindender Charakter des Objekts

Nach der Kriegsgefangenschaft nutzte er das Schachbrett, um einem Jungen aus der Nachbarschaft die Regeln des Spieles beizubringen. Später verschenkte er das Spiel an eben jenen Nachbarsjungen, der irgendwann sogar Schachleiter im Norddeutschen Schachbund wurde! Danach verschwand das Brett jahrzehntelang in einer Truhe, bis es dem Industriemuseum 2014 gespendet.

Das Schachspiel im Detail

Der Holzkasten ist klappbar, innen und außen bemalt und enthält alle 32 Figuren: 16 Bauern, 4 Läufer, 4 Springer, 4 Türme, 2 Damen und 2 Könige. Eine Hälfte blieb naturbelassen, die andere wurde mit Ruß geschwärzt, um das klassische Schwarz-Weiß-Muster nachzuahmen.
Das Feuerholz bearbeitete Johann laut seiner Tochter mit seinem eigenen Taschenmesser: Alle Figuren sind leicht erkennbar, und sehen fast schon kunstvoll aus.

Schach in Elmshorn: Eine lange Tradition

Dass Johann in der Gefangenschaft ausgerechnet ein Schachspiel schnitzte, passt erstaunlich gut in die Tradition seiner Heimat. Bereits 1896 wurde hier der Elmshorner Schachclub gegründet, einer der ältesten Vereine Schleswig-Holsteins. Trotz zweier Weltkriege überstand der Verein alle Krisen. In der Nachkriegszeit trat besonders ein gewisser Adolf Schädlich (greifbar in Adressbüchern der 1960er Jahre als kaufmännischer Angestellter) hervor: Vereinsmeister, Blitzchampion, Organisator, Chronist, er war über Jahrzehnte die prägende Figur des Elmshorner Schachs. Der Club war immer mitten in der Stadt präsent und überregional bedeutend: Floraturniere zogen seit den 1960ern Dutzende Mannschaften an. Außerdem beliebt waren die Weihnachtsblitzturniere; Freundschaftskämpfe gegen Pinneberg, Barmstedt, Kollmar oder Fuhlsbüttel gehörten ebenso dazu wie große Simultanveranstaltungen. Ein Höhepunkt war das 90-jährige Jubiläum 1986: Großmeister John Nunn (*1955) aus England spielte in Elmshorn simultan gegen 34 Gegner und schrieb sich in die Vereinsgeschichte ein.

Förderung der Jugend

Besonders stolz ist der Club auf seine Jugendarbeit. Schon 1974 schaffte es die Schach-AG der Bismarckschule Elmshorn bis zur Deutschen Schulschachmeisterschaft. In den 1980er und 1990er Jahren stellte Elmshorn regelmäßig Jugend-Landesmeister und nahm an Deutschen Meisterschaften teil. So spannt sich ein Bogen: Johann bastelte im Lager ein Schachbrett aus Ruß und Holz, und in Elmshorn entwickelte sich parallel ein Traditionsverein weiter, der heute auf über 125 Jahre Geschichte zurückblicken kann. Beides zeigt: Schach ist mehr als ein Spiel. Es bringt Menschen zusammen, heute wie damals.

Etwas Schachgeschichte

Schach gehört zu den ältesten Brettspielen der Welt. Schon vor über 1500 Jahren entstand es in Indien unter dem Namen Chaturanga. Über Persien kam es nach Europa und wurde hier zum modernen Schach. Erst im späten 15. Jahrhundert erhielten Dame und Läufer ihre heutige Stärke, ausgerechnet in einer Zeit, in der mächtige Königinnen wie Isabella von Kastilien die Politik bestimmten. Doch das Spiel hatte nicht nur Fans. Im Mittelalter wurde es an manchen Orten sogar verboten. In Ägypten ließ „al-Hakim bi-Amr Allah“ im Jahre 1005 alle Bretter verbrennen, auch die Kirche traute dem Spiel nicht. Ein Papst untersagte Priestern Schach, weil es sie angeblich von der Religion ablenken würde. Trotzdem spielten die Leute weiter. Ironisch ist, dass Zar Iwan der Schreckliche Schach verbot, und später selbst mitten in einer Partie starb. Im 18. Jahrhundert machte der „Schachtürke“ Schlagzeilen: eine Art Roboter, der sogar Napoleon besiegte. Später stellte sich heraus, dass im Inneren ein Schachmeister saß, ein Trick, der aber über hundert Jahre lang für Staunen sorgte.

Schach in der jüngeren Vergangenheit

Auch heute sorgt Schach immer wieder für Aufregung. Bei der Weltmeisterschaft 1978 war von Hypnose und Psychospielen die Rede. Und 2022 wurde ein junger Großmeister beschuldigt, mit geheimen vibrierenden Signalen zu betrügen, die Presse sprach sogar von „Analperlen“. Beweise gab es keine, aber es zeigt, wie sehr Schach inzwischen auch mit Technik und Spekulation zusammenhängt.

Schach in der Gegenwart

Schach dient aber nicht nur der Unterhaltung: Studien zeigen, dass Kinder nach ein paar Monaten Schachunterricht bessere Noten und sogar höhere IQ-Werte haben. In Armenien ist Schach sogar Pflichtfach an Schulen. Bei älteren Menschen kann Schach helfen, das Risiko für Demenz zu senken. Ärzte testen Schachtraining inzwischen auch als Unterstützung bei ADHS, um die Aufmerksamkeit zu fördern. Schach kann aber auch zu einer Obsession werden, wie das Beispiel des US-amerikanischen Ausnahmespielers Bobby Fischer zeigt. Er war genial, aber verlor irgendwann den Bezug zur Realität. Magnus Carlsen, der heutige Superstar, sagte in einem Interview: „Schach darf keine Obsession werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man in eine Parallelwelt abrutscht, dass man den Bezug zur Realität verliert, sich verirrt im unendlichen Kosmos des Spiels.“ Überhaupt kein Irrweg ist der Gang ins Industriemuseum Elmshorn. Dort kann im dritten Obergeschoss dieses besondere und geschichtsträchtige Schachspiel bewundert werden.