Kanonen statt Butter - Ernährung und Propaganda im "Dritten Reich"

Beginn:

Datum: 27.04.2008

Ende:

Datum: 06.07.2008

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Anhand der nationalsozialistischen Ernährungspolitik wird der Alltag im Dritten Reich veranschaulicht. Deutschland sollte nicht auf Lebensmittelimporte angewiesen sein und die Versorgung der Bevölkerung musste trotzdem gewährleistet werden. Dafür wurde mit immensem Propagandaaufwand der Lebensmittelverbrauch reduziert, dirigiert und kontrolliert. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen deshalb auch Kampagnen wie beispielsweise für den Eintopfsonntag, Fisch oder Kartoffeln „aus deutschen Landen“. Die vielfältigen Exponate belegen eindrucksvoll die Wirksamkeit des nationalsozialistischen Konzepts der Volksgemeinschaft.

Die bereits in Kiel, Bremen und auf Rügen gezeigte Wanderausstellung verzeichnete über 20.000 Museumsbesucher. Die Ausstellungskuratorin Dr. Sonja Kinzler bietet anlässlich der Eröffnung eine Einführung in die Ausstellung am Sonntag, 27. April, um 11.00 Uhr im Industriemuseum Elmshorn, Catharinenstraße 1.

Für die heutige Eltern- und Großelterngeneration – etwa bis Jahrgang 1935 – gehörte der Hunger eng zur Lebenswirklichkeit der nationalsozialistischen Zeit. Die heikle Mangelsituation der Jahre 1944 -1947 hat einen besonders prägenden Eindruck hinterlassen. Aus dem Bereich der Ernährung kommen dazu aber auch viele weitere lebendige Erinnerungen, etwa an Lebensmittelkarten, Kriegsrezepte wie „falsche Schlagsahne“ aus Gries und Magermilch oder den Eintopfsonntag. Weitere Beispiele sind die Mitarbeit in der Erntehilfe, das Aufgepäppelt werden in der Kinderlandverschickung, aber auch die gezielte staatliche Benachteiligung von Zwangsarbeitern oder Kriegsgefangenen.

Die Ausstellung „Kanonen statt Butter“ zeigt, welche ernährungspolitischen und ideologischen Grundlagen das Leben und die Versorgungslage von 1933 bis 1945 bestimmten. Es war die Absicht des nationalsozialistischen Regimes, Deutschland von Lebensmittelimporten unabhängig zu machen. Dieses strategische Ziel wurde schon lange vor dem Krieg mit massiver Propaganda umgesetzt. Dafür mussten die landwirtschaftliche Produktion gesteigert und der Verbrauch reduziert, beziehungsweise die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung umgestellt werden.

Die Propaganda griff damit weit in die Privatsphäre der Menschen ein. Das Thema Versorgungspolitik macht deutlich, wie sehr das NS-Regime mit seiner Ideologie das gesamte Alltagsleben bis hin zu grundlegenden Fragen wie dem täglichen Brot bestimmte. Die Durchdringung sämtlicher Lebensbereiche ist ein Charakteristikum des totalitären Staates. Die Ausstellung dokumentiert, wie das „Dritte Reich“ und sein Machtapparat im Alltag funktionierten, sowie mit welchen Mitteln die Menschen bewegt wurden, ihr Leben der NS-Ideologie unterzuordnen.

Viele Themenfelder der Ausstellung scheinen dabei heute nur auf den ersten Blick vertraut. Fisch, zum Beispiel, wird immer noch als besonders gesundes Lebensmittel beworben. Im Nationalsozialismus jedoch war die ausschlaggebende Absicht hinter der entsprechenden Propagandakampagne eine Reduzierung des Fleischverbrauchs und damit eine Minimierung der deutschen Abhängigkeit von Fleisch- beziehungsweise Futtermittelimporten aus dem Ausland. Um trotzdem die „Volksgesundheit“ zu erhalten, sollten die Verbraucher auf Seefisch als Eiweißlieferant zurückgreifen.

Das Einkaufen oder „Organisieren“ von Lebensmitteln, das Kochen und letztlich das Essen selbst gestalteten sich in einer Stadt wie Kiel damals ganz anders als heute. Schon vor dem Krieg galt das Prinzip „Kanonen statt Butter“ – mit anderen Worten: Ernährungsfragen waren seit 1933 der Kriegsvorbereitung und seit Mitte 1939 der Kriegswirtschaft untergeordnet. Für die meisten Menschen, die Normalverbraucher, herrschte bis zum Kriegsende keine existentielle Not. Aber die Auswahl an hochwertigen Nahrungsmitteln war doch sehr beschränkt. So erlernten die Hausfrauen das Essenkochen mit geringsten Mengen Fett und Fleisch. Unterstützend pries ihnen eine Flut von Ratgeberliteratur der NS-Ernährungsorganisationen zur „zeitgemäßen Küche“ die Mangelsituation als kulinarisch-organisatorische Herausforderung an.

Die Ausstellung ist in sechs Themenabschnitte gegliedert.

Sie führt über die nationalsozialistische Ernährungs- und Agrarpolitik und ihre ideologischen Voraussetzungen zu den Propagandakampagnen, beispielsweise für Fisch, für Kartoffeln oder für Resteverwertung. Damit sollten die wirtschaftspolitischen Vorgaben in der Bevölkerung verankert werden. Weiterhin geht es um die Rolle der Hausfrau als Verbraucherin – einschließlich des nationalsozialistischen Frauenbildes. Thematisiert wird ebenso die Versorgung außer Haus, die im „Dritten Reich“ mit seinen vielen Betriebs- und Lagerkantinen, Jugendeinrichtungen und bei Massenveranstaltungen eine große Bedeutung hatte. Die Zwangs- und Kriegswirtschaft, geprägt von der Lebensmittelrationierung mittels des Kartensystems sowie der Zusammenbruch der Versorgung mit dem Kriegsende bilden den Abschluss des Ausstellungsrundgangs.

Die zahlreichen Facetten des Themas der Ausstellung spiegeln sich in der Vielfalt der Exponate. Zu sehen sind Plakate und historische Fotos, zeitgenössische Publikationen, Werbebroschüren und Unterrichtsmaterialien, Akten, Kochbücher und Anleitungen für Hausfrauen, Haushaltsgeräte und Geschirr, ein Care-Paket und eine Brennhexe aus der frühen Nachkriegszeit. Hinzu kommen drei Tondokumente aus dem Deutschen Rundfunkarchiv (Gespräch mit Reichsminister Richard Walther Darré über die Einführung von Lebensmittelkarten von 1939, Rundfunkansprache zur Ernährungslage des deutschen Volkes von 1944, Spielszene von Karl Valentin „Die jetzige Lage“ von 1947), der Nordmark-Werbefilm „Wer hilft mit?“ von 1933 über die Winterhilfe der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ in Kiel.

Zur Ausstellung ist eine Begleitpublikation von Dr. Sonja Kinzler zum Preis von 7 Euro im Industriemuseum erhältlich.