Der schön gedeckte Tisch. Ein Kulturgut mit Verfallsdatum?

Beginn:

Datum: 01.03.2009

Ende:

Datum: 30.08.2009

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Was gehört auf einen gedeckten Tisch?

Teller, Schüsseln, Besteck, Gläser, Servietten und ein Tischtuch könnte eine Antwort lauten. Doch das war nicht immer so. Noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts war es in ländlichen Gegenden üblich, die alltäglichen Mahlzeiten gemeinsam aus einem Gefäß zu essen.

Die Speisen wurden zumeist im Kochgeschirr auf die blank gescheuerte Tischplatte gestellt. Nur an Festtagen legte die Hausfrau ein Tischtuch auf. Besteck aus Edelmetall oder Geschirr aus Porzellan waren ein Luxus, den sich nur die wohlhabenden Bauern leisten konnten, stattdessen wurden einfache irdene oder bunt dekorierte Schüsseln aus Steingut und Löffel aus Holz gebraucht.

Erst mit Aufkommen von Emailgeschirr zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das gemeinsame Essen aus einer Schüssel aufgegeben. Das industriell gefertigte und damit preiswerte Geschirr ermöglichte nun auch in diesen Kreisen die Herausbildung einer differenzierten Tischkultur.

Der festlich gedeckte Tisch des gehobenen Bürgertums, auf dem edles weißes Porzellan mit Goldrand, feine Tischwäsche und silbernes Besteck nicht fehlen durften, war das Vorbild, an dem man sich orientierte. An dem verwendeten Tisch- gerät zeigten sich Kultiviertheit und Status. Wechselnde Moden und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen des 20. Jahrhunderts haben die Tischkultur dieser Epoche geprägt. So fanden die erste demokratische Regierungsform und der grundlegende Wandel der Gesellschaft zu Zeiten der Weimarer Republik ihren Widerhall in den Reformbestrebungen verschiedener Architekten und Designer wie Bruno Taut und Wilhelm Wagenfeld. Sie stellten die bürgerlichen Tischsitten radikal

infrage und entwarfen Geschirre und Bestecke aus neuen Materialien wie Glas oder Cromargan, die durch ihre vollkommen neue, absolut puristische Ästhetik in einem extremen Gegensatz zu den geschwungenen Formen und dem aufwendigem Dekor des bisher gebräuchlichen Tischgeräts standen.

Das Verschwinden der Haushaltswarengeschäfte

Feddersen, Heim & Nielsen, Boldt, Thormählen, Mohr-Stegert – lang ist die Liste der Elmshorner „Hausstandssachen- Geschäfte“, die inzwischen der Vergangenheit angehören. Das Einzelhandelsgeschäft für Glas, Porzellan, Steinzeug und Besteck hat ausgedient, die bürgerlichen Lebensformen haben sich geändert. Der Verfall der Tischkultur, der Untergang der deutschen Porzellanindustrie wird aktuell in den Medien diskutiert. Für den Ankauf eines 46-teiligen Porzellanservices fehlt heute oft die Motivation oder das Geld oder der Schrank ist für die Unterbringung zu klein. Der Trend zu Fastfood und Fingerfood führt zurück zu einer Esskultur ohne Tisch, Geschirr und Besteck.

Die Sonderausstellung im Industriemuseum Elmshorn präsentiert streiflichtartig die Tischkultur des 20. Jahrhunderts, die sich bis heute zwischen Tradition und Innovation bewegt.

Typische und kuriose Objekte der Tischkultur, zu denen persönliche Geschichten und Erlebnisse von Elmshornerinnen erzählt werden, runden die Präsentation ab und zeigen die große Vielfalt des „gedeckten Tischs“.