Museumsobjekt des Monats
Hier finden Sie Lieblingsdinge aus dem Museum mit ihren Geschichten. Ein Objekt des Monats kann gerade neu gestiftet worden oder schon lange Jahrzehnte Bestandteil der Museumssammlung sein - wichtig ist nur, dass Besucher, Mitglieder des Fördervereins oder Mitarbeiter in der Beschreibung erläutern, warum dieser Museumsgegenstand ihr Objekt des Monats ist.
Ihre Museumslieblingsdinge
Haben auch Sie ein Lieblingsding in der Sammlung des Museums? Dann senden Sie uns Ihren Vorschlag mit einer kurzen Erläuterung - vielleicht ist dann Ihr Objekt mit dabei! ObjektdesMonats@industriemuseum-elmshorn.de
Museumsobjekt des Monats Februar 2012
Schlittschuhe
Ein Winter mit klirrender Kälte und zugefrorenen Gewässern ist selten geworden. Aktuell versorgt uns gerade das Hoch „Cooper“ mit eiskalten Temperaturen und Sonnenschein. Nach einer Woche Dauerfrost hat sich auf vielen Seen bereits eine Eisschicht gebildet, aber nur mit Glück erreichen wir in diesem Winter noch eine genügend dicke und sichere Eisdecke. Mindestens 13 Zentimeter muss diese stark sein, sonst könnte es uns ergehen wie dem deutschen Dichter Georg Heym, der vor 100 Jahren beim Schlittschuhlaufen auf der Havel ertrank.
Trotz der Risiken gehört das Schlittschuhlaufen zu den schönsten Vergnügungen im Winter. Früher konnten die Elmshorner jedoch wesentlich häufiger dem schnellen Gleiten auf dem Eis nachgehen als in den letzten drei Jahrzehnten, da fast in jedem Jahr ausreichend lange Dauerfrost herrschte.
Damals war Elmshorn ein Schlittschuhparadies. Der Oberlauf der Krückau war im Winter kilometerweit seenartig aufgestaut. Alle Wiesen standen dort großflächig unter Wasser. Ursache war die Staugerechtigkeit der Wassermühle am Mühlendamm. Sie war die älteste Mühle Elmshorns, seit 1328 ist an dieser Stelle des Mühlendamms eine Kornwassermühle nachweisbar. Diese wurde von einem hölzernen Wasserrad durch das Stauwasser der Krückau angetrieben. Zur Nutzung der Wasserkraft war die Anlage eines Staudammes (= Mühlendamm) notwendig. 1854 wurde die Mühle mit leistungsfähigeren Turbinen ausgestattet. Trotz der Anschaffung einer Dampfmaschine als zusätzliche Antriebskraft wurde bis zum Jahr 1938 die Wasserkraft als wichtige Energiequelle genutzt. Mit dem Ende des Wasserantriebs verlor die Elmshorner Bevölkerung auch diese große Eisfläche.
Der 1863 geborene Elmshorner G. A. Schmidt berichtet über das Eislaufen auf dem zugefrorenen oberen Lauf der Krückau und der Offenau: „Es hat gewiss nicht viele Orte gegeben, die eine so große und schöne Eisbahn boten wie Elmshorn. Die Bahn reichte nach Nordosten bis Offenau und weiter, nach Südosten bis Bullenkuhlen. Überall boten die begleitenden Wälder und Knicks ein hübsches Bild. Allerdings forderte das Eis in fast jedem Jahre ein oder mehrere Opfer. Direkt verrufen war der südliche Lauf kurz vor der Schleusenkuhle (am Mühlendamm). Wenn Eis und Schnee lange ausblieben, vergnügten sich unternehmungslustige ältere Schuljungens damit, über die Gräben, Richtung Sibirien, zu traben und zu springen, um abends über Sparrieshoop rechtzeitig ins Haus zu kommen. Der Knösel (die Shagspfeife oder eine ausgehöhlte Kastanie) und gemeinschaftlich gekaufter Tabak waren unsere Begleiter.“
Der junge Schmidt besaß Schlittschuhe ähnlich den Eiskufen aus dem Industriemuseum Elmshorn, die etwa um 1880 gefertigt worden sind. Die Metallkufen sind in Hartholz eingearbeitet und wurden im Fersenbereich mit Lederriemen am Schuh des Schlittschuhläufers befestigt. „Unsere Schlittschuhe hatten verschiedene Formen. Als Anfänger benutzte man Hohlläufer, deren Eisenschiene leicht hohl geschliffen war. Weit leichter lief es sich auf Glattläufern. Die besten Schlittschuhe waren die „Siethwender“. Sie hatten lange, oft schneckenförmig gewundene Schnäbel. Befestigt wurden die Schlittschuhe mit Bändern oder Riemen und Hackenleder. Zur besseren Befestigung dienten ab Mitte des 19. Jahrhunderts Schrauben im Fersenteil.“
Die Kunst der schnellen Fortbewegung auf dem Eis ist übrigens im wahrsten Sinne des Wortes uralt. Im gesamten nördlichen Raum sind Schlittschuhe aus Tierknochen gefunden worden, die ältesten der sicher als Schlittschuh identifizierten Funde datieren um 3000 vor Christus. Die gespaltenen und geschliffenen Unterschenkelknochen von Pferden, Rindern oder Rentieren wurden durchbohrt und an die urzeitliche Fußbekleidung geschnürt. Mittels eines Speeres oder mit angespitzten Stöcken konnten sich unsere Vorfahren so rasant über zugefrorene Flüsse und Seen bewegen. Besonders beliebt zum Schlittschuhbau waren auch Schweinebeinknochen – davon zeugt noch heute angeblich die Bezeichnung „Eisbein“ für das traditionelle Schweinefleischgericht.
Im Gegensatz zum Knochen ermöglicht der exakte Schliff der eisernen Kufen dem Läufer eine elegant kurvenreiche Fahrt, falls die Befestigung am Schuh hielt. In den Jugenderinnerungen Schmidts heißt es: „Ende der 1870er Jahre wohnte am Flamweg der Schlosser Winterboer. Er schliff mir öfter meine Schlittschuhe nach der Weise seiner Heimat. Dort schliffen die Schlosser täglich am Vormittag die Schlittschuhe und liefen am Nachmittag selber Schlittschuh. Sie nährten sich also tätlich (da im Winter die Arbeit knapp war) und redlich vom Schlittschuhlaufen.“ Der besagte Schlosser Winterboer stammte ursprünglich aus den Niederlanden, dort begeistert das Schlittschuhfahren seit Jahrhunderten alle Generationen.
Die gefrorene Oberfläche der Naturgewässer ist häufig uneben und kann unterschiedliche Stärken der Eisschicht aufweisen. Über die Stolperfallen hinaus, besteht immer auch die Gefahr des Einbrechens in das tiefe eiskalte Wasser. Entsprechend beliebt sind künstliche Eisbahnen. So berichtet der Elmshorner Ernst-Gerd Scholz aus seiner Kinderheit, dass der Elmshorner Lawn-Tennis-Club die Tennisplätze an der Kaltenweide in der Nachkriegszeit im Winter geflutet hat, um der Jugend das Eisvergnügen ohne Gefahr zu ermöglichen. In der Nachfolge bietet das „Elmshorner Eisvergnügen“ auf dem Holstenplatz sogar in den warmen Dezembermonaten der letzten Jahre eine spiegelglatte Fläche.
Inzwischen hat sich in der Schlittschuhtechnik viel getan. Bei den Museums-Schlittschuhen musste die dicke Schraube in den Schuhabsatz gedreht werden. Wenn Sie sich ein genaueres Bild von dieser wenig schuhfreundlichen Prozedur machen wollen, können Sie die Schlittschuhe diesen Monat im Erdgeschoss des Industriemuseums besichtigen. Schonender war die Befestigung der Kufen mit Metallklemmen, die mit einer Kurbel in der Breite verstellt werden konnten. Eine große Innovation ist erst die feste Verbindung von Schuh und Kufe. Dieser eigentliche Schlittschuh wurde bereits im 19. Jahrhundert erfunden, aber die Lederschuhe waren bis in die 1960er Jahre hinein zu teuer in der Anschaffung für die Mehrheit der Schlittschuhläufer. Aktuell sind Kufen zum Austausch der Rollen bei Inline-Skates sehr praktisch.
Falls die Kälteperiode also länger anhalten sollte – seien sie vorsichtig und zur Not hilft ja vielleicht ein Stoßgebet zur heiligen Lidwina von Schiedam, die auch als Schutzpatronin der Schlittschuhläufer gilt.
Inventar-Nummer: A 0143
Maße: Länge 30,5 cm
weitere Objektbezeichnung: Eiskufen
Datierung: um 1880
Material: Holz, Eisen, Leder

Schlittschuhläufer auf der Oberau
Museumsobjekt des Monats Januar 2012
Kommunistischer Wandkalender
Jahreskalender sind uns ein alltäglicher Begleiter und jedes Jahr aufs Neue kaufen wir uns einen Kalender oder wir werden mit Kalendern in den unterschiedlichsten Varianten beschenkt. Auch wenn inzwischen viele Menschen ihre Termine mit Hilfe von Smartphones und PC verwalten, so hängen doch in nahezu allen Wohnungen Kalender in den unterschiedlichsten Varianten an der Wand.
Mit dem Kalender und der Uhr ordnen wir unsere Zeit. Der Wunsch, den Jahresablauf aufzuzeichnen und damit auch Ereignisse vorhersagen zu können, ist sehr alt. Schon früh berechneten die Menschen die Zeit und hielten sie auf verschiedenste Arten fest, so wurden Tage und Wochen beispielsweise mit Kerben in Holzstäbe geritzt. Nahezu alle Völker berechneten die Zeit auf ihre Weise und es entstand eine Vielzahl von Kalendersystemen. Bis heute wird in verschiedenen Kalendern gelebt. Für internationale Terminvereinbarungen gilt zwar der Gregorianische Kalender und wir schreiben das Jahr 2012, nach dem jüdischen Kalender leben aber Millionen Menschen im Jahr 5772 und zur gleichen Zeit zeigt der islamische Kalender das Jahr 1433 und der indische Kalender 1933.
Unser Wandkalender ist angesichts dieser kulturellen Vielfalt praktisch. Er trägt kein Jahresdatum und kann in jedem Jahr als aktuelles Kalendarium benutzt werden. Die einzelnen Datenblätter zum Stecken in den kleinen Metallrahmen sind komplett vorhanden. Allerdings erfordert die Handhabung Disziplin, jeden Tag muss ein neues Blatt nach vorne gesteckt werden. Und dann stellt sich Ende des Monats die Frage: Hat der Monat 30 oder 31 Tage und wie ist es mit dem Februar? Haben wir ein Schaltjahr oder nicht? Für die Handhabung unseres immerwährenden Kalenders ist die Kenntnis der Kalenderregeln wie die der Schaltregel wichtig: „Ein Schaltjahr ist ein Jahr, dessen Jahreszahl durch vier ganzzahlig teilbar ist, es sei denn, es ist ein Jahrhundert-Jahr, dann muss seine Jahreszahl durch 400 ganzzahlig teilbar sein.“ Da die Länge des gregorianischen Jahres entsprechend des Umlaufs der Erde um die Sonne nicht 365 Tage sondern exakt 365,2425 Tage beträgt entsteht jedes Jahr eine Verschiebung um einen viertel Tag. In der Zeit von 4 Jahren verschiebt sich daher unser Kalender um einen Tag. Deshalb hat der Februar alle 4 Jahre wie auch in diesem Jahr einen Tag mehr, den 29. Februar. Wir müssen also in unserem Papierkalender im nächsten Monat auch noch das Kärtchen mit der 29 einschieben.
Der Wandkalender wurde am 10. November 2011 dem Industriemuseum Elmshorn gespendet. Aber wie alt ist denn nun dieser leicht angegilbte Papierkalender? Ein Anruf bei der Spenderin des Kalenders brachte darüber keinen Aufschluss. Sie fand den Kalender bei einer Wohnungsübernahme im Keller eines Hauses in der Ansgarstraße. Die neue Hausbewohnerin war von dem alten Kalender begeistert und hing ihn geschützt in einem Bilderrahmen in ihrem Wohnzimmer auf.
Wandkalender verbreiteten sich seit der Erfindung des Buchdrucks. Einfache Jahresübersichten auf einem Blatt zählen mit zu den ersten Drucksachen in einer größeren Auflagenzahl. Kalender waren begehrt und wurden bald auch von Firmen als Werbeträger genutzt. Auch heute noch kommen Werbekalender bei den Kundinnen und Kunden an. Sie sind nützlich und praktisch und werden gerne mitgenommen. Auch unser Museums-Wandkalender ist so ein Werbeträger. Zahlreiche Werbeanzeigen von Geschäften aus Elmshorn und Umgebung sind wie auf einer Zeitungsseite angeordnet, hinzu kommt eine Übersicht zum „Posttarif Inland“ sowie zwei Rubriken für eigene Eintragungen und zwar wo sich der nächste Feuermelder befindet und „Wichtige Telephonnummern“.
Den gesamten Kopf des Bogens bilden Anzeigen der Arbeiterbewegung. In der Mitte das Zeichen der „Internationalen Arbeiter-Hilfe“ mit einer Anzeige rechts „Männer und Frauen, werdet Mitglieder der Internationalen Arbeiter-Hilfe“ und links einer Werbeanzeige für den „Mahnruf“, der Monatszeitschrift der „Internationalen Arbeiter-Hilfe“. Diese 1921 gegründete Organisation war das kommunistische Pendant zur Arbeiterwohlfahrt. 1925 existierten in Deutschland bereits 383 Ortsgruppen mit 33.600 Mitgliedern. Elmshorn mit seiner großen Anzahl an Fabriken und einem entsprechend hohen Arbeiteranteil bildete eine dieser Ortsgruppen mit 40 Mitgliedern. Ähnlich wie die AWO engagierte sich die IAH im Bereich der Sozialfürsorge und versuchte in Not geratene Arbeiterfamilien zu unterstützen. Darüber hinaus sollte aber auch der Kampf gegen die Wurzeln der Not, gegen den Kapitalismus, geführt werden. Ein wichtiges Ziel sah die IAH in der Bildung einer Einheitsfront aller Arbeiter, auch derjenigen, die die KPD selbst nicht hatte erreichen können. Die einzelnen Ortsgruppen wurden daher mit der Anwerbung von Mitgliedern beauftragt. Vermutlich entstand der Wandkalender mit dem Ziel der Anwerbung vor allem von auch nichtkommunistischen Mitgliedern.
Eine weitere Anzeige verrät uns das Herstellungsjahr des immerwährenden Kalenders: Aufschluss gibt die kleine Annonce in der linken Spalte vom „Radio-Spezialhaus“ in der Schulstraße 43. Der Firmengründer Hans Wichmann kam 1923 aus Hamburg nach Elmshorn und war als Privatfahrer und Auto-Rennfahrer bei der Firma C.H. Carstens beschäftigt. In seiner Freizeit betätigte sich Wichmann mit der neuartigen Detektor-Technik und gründete mit anderen Amateuren den Verein „Elmshorner Funkfreunde“. 1924 erhielt er als zweiter Elmshorner die „Audion-Versuchserlaubnis“ also eine Rundfunkgenehmigung. Am 15. November 1928 machte er sein Hobby zum Beruf und gründete gemeinsam mit seiner Ehefrau Berta das „Radio-Spezialhaus“. Da er bereits im folgenden Jahr das Geschäft in den Flamweg verlegte, muss der Kalender zur Jahreswende 1928/29 verteilt worden sein.
Die Anwerbung weiterer Mitglieder für die Elmshorner Ortsgruppe war übrigens trotz dieses Kalenders wenig erfolgreich: Obwohl die Zahl der Mitglieder reichsweit bis 1930 erheblich anstieg, sank die Zahl der Elmshorner Mitglieder auf 29 ab.
Weitere alte Kalender unterschiedlichster Art sind in unserer Sonderausstellung „Plastic World“ zu finden. Neben traditionellen Buchkalendern der Elmshorner Firma Steier sind auch Kalender mit raffinierten Systemen zu entdecken. Mein Favorit: der ewige Kalender zum mit roten, orangen und gelben Farbquadraten zum Stecken. Als Notiz für ihren Kalender: Die Ausstellung ist noch bis zum 15. April zu sehen.
Inventar-Nummer 2011-0635
Maße: Breite 34 cm, Höhe 48 cm
Material Karton
Museumsobjekt des Monats Dezember 2011
Christbaumschmuck „Zeppelin D-LZ – 127“
Ein Luftschiff am Weihnachtsbaum war in der Ära der Zeppeline der letzte Schrei und hing am festlich geschmückten
Tannenbaum in vielen deutschen Wohnstuben. Die Miniatur aus der Sammlung des Industriemuseums Elmshorn trägt wie sein gigantisches Vorbild die Bezeichnung „D-LZ 127“. Der bis heute legendäre „Graf Zeppelin“ wurde 1928 in den Dienst gestellt und sein kleines, höchst zerbrechliches Abbild ist vermutlich um 1930 hergestellt worden.
Der Weihnachtsbaumanhänger in Zeppelinform stammt aus einer Haushaltsauflösung und gelangte 1990 gemeinsam mit einem weiteren Zeppelin, zwei Glückspilzen, zwei Weihnachtsbaumkugeln, 3 Tannenzapfen, 9 Baumkerzenhalter und 6 Plätzchenausstechformen als Spende in den Sammlungsbestand des Industriemuseums Elmshorn. Baumschmuck wird nach wie vor nicht jedes Jahr neu gekauft, sondern kommt in einen Karton, um zum nächsten Weihnachtsfest wieder hervorgeholt zu werden. Früher kam nur ab und an ein neues Stück dazu, da der gläserne Baumschmuck lange Zeit sehr kostbar war. Viele der äußerst zerbrechlichen gläsernen Kugeln und Figuren gingen zu Bruch, so dass von den massenhaft produzierten Stücken nicht viele im Original erhalten sind.
Heute ist der mit glänzenden Kugeln und Figuren geschmückte Tannenbaum für uns ein Synonym für Weihnachten, dies war jedoch vor 200 Jahren noch nicht der Fall. Der Weihnachtsbaum basiert auf dem jahrhundertealten Brauch zwischen dem alten und dem neuen Jahr lebendiges Grün in die Wohnung zu holen. Hierzu zählen im Winter blühende Pflanzen wie die Barbarazweige und immergrüne Gewächse wie Buchsbaum und Myrte. Ein 1863 geborener Elmshorner schreibt in seinen Erinnerungen „für uns war das größte Fest des Jahres das Weihnachtsfest. In meiner Familie wurde jedes Jahr ein Myrtenbäumchen mit Kerzen, dickwandigen Glaskugeln und Zuckersachen von der Bäckerei Schrader aus Guss geschmückt. Diese Zuckersachen wurden von Jahr zu Jahr aufgehoben, durften jedoch nicht gegessen werden. Ich glaube, erst ab um 1870 schmückte meine Familie einen Tannenbaum.“
In Deutschland tauchen zwar bei den Handwerker-Zünften und beim Adel erste Weihnachtsbäume bereits im 16. Jahrhundert auf, jedoch verbreitet sich der Brauch erst im 19. Jahrhundert. Der Einzug in nahezu alle deutschen Wohnstuben gelang dem Tannenbaum erst durch die Militärpropaganda im Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg. Soldaten aus den unterschiedlichsten Gegenden Deutschlands lernten den Lichterbaum in Lazaretten, Kasernen und Unterständen kennen. Illustrationen dieser Kriegs-Weihnachtsbäume in Zeitungen, Familienzeitschriften und auf Postkarten trugen zur Verbreitung bei.
Ursprünglich hing an den Tannenbäumen Schmuck aus Zuckerguss, Marzipan, Tannenzapfen und Nüssen, wie beispielsweise vergoldetete Haselnüsse die zu festlichen Ketten aufgefädelt waren. Je nach Reichtum der Familie hingen essbare Früchte, erlesenes Backwerk und Süßigkeiten am Baum. Beliebt war auch selbst gebastelter Papierschmuck wie die Himmelsleitern und farbige Bänder. Hinzu kamen Papierfiguren, die aus Bastelbögen ausgeschnitten wurden. Die Motive waren oft nicht weihnachtlich, sondern vom Zeitgeist geprägt. In Mode waren vor allem die technischen Errungenschaften wie Lokomotiven, Automobile, Heißluftballons und dann Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem Zeppeline. Der Christbaumschmuck wurde auch für politische Propaganda genutzt. Die Zeppeline spielten im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle und waren als patriotischer Baumschmuck ebenso beliebt wie Marineschiffe und Kugeln mit den Portraits von Wilhelm II und Otto von Bismarck sowie Abbildungen vom „Eisernen Kreuz“ und der deutschen Flagge.
Eine Revolution erfuhr der Weihnachtsschmuck durch die Erfindung von innen verspiegelter Glaskugeln in Lauscha in Thüringen. Hier wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Glasbläsern in Heimarbeit hohle Kugeln hergestellt und die Oberfläche mit einer glänzenden Zinn-Blei-Legierung versehen. Diese Kugeln waren dickwandig und relativ schwer. Die Massenfertigung vieler Kugeln ermöglichte erst der Bau eines Gaswerkes in Lauscha im Jahre 1867. Nun erst konnten die Glasbläser mithilfe der sehr heißen Gasflamme äußerst dünnwandige Kugeln blasen und innen verspiegeln. Hinzu kamen durch Einblasen in Formen aus Gips oder Porzellan Figuren der unterschiedlichsten Art wie auch der Zeppelin-Anhänger des Industriemuseums. Die Familienangehörigen der Glasbläser halfen bei der Produktion mit und tauchten die Weihnachtsartikel beispielsweise in Farbbäder oder versahen sie mit Glimmer.
Die Kugeln und der figürliche Christbaumschmuck erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden auch ein Exportschlager in die USA. Bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg waren die Thüringer Hersteller konkurrenzlos.
Die Giganten der Lüfte begeistern die Menschen bis heute. Das berühmte Starrluftschiff LZ 127 hatte eine Länge von 236,6 Metern und einen Durchmesser von 30,5 Metern. Die Besatzung bestand aus 45 bis 50 Mann und es konnten bis zu 20 Passagiere befördert werden. Die Kabinen für die Passagiere, ein großer Aufenthaltsraum und die Küche befanden sich in der Gondel unter dem Rumpf, die auch in der Weihnachtsfigur ausgeformt ist. Mit spektakulären Fahrten wie der Welt- und der Polarfahrt erhielt dieses Verkehrsluftschiff mit dem Namen „Graf Zeppelin“ weltweit eine große Aufmerksamkeit und war die Sensation am Himmel. Die LZ 127 war der Pionier des Transatlantikflugdienstes, zwischen 1931 und 1937 wurde ein regelmäßiger Luftschiffverkehr zwischen Deutschland und Brasilien betrieben. Zur damaligen Zeit war dies die schnellste Flugverbindung und der einzige Nonstopflug auf dieser Strecke. Daneben wurden auch immer wieder Fahrten innerhalb Europas und auch nach Nordamerika unternommen. Das Luftschiff legte insgesamt rund 1,7 Millionen Kilometer bei 590 unfallfreien Fahrten zurück, wobei neben der Weltumrundung 139 mal der Atlantik nach Nord- und Südamerika überquert und 34.000 Passagiere befördert wurden. Erst das Unglück des Zeppelins „Hindenburg“ in Lakehurst bedeutete das Ende der Luftschifffahrt. Die LZ 127 wurde am 19. Juli 1937 außer Dienst gestellt und diente dann nur noch als Touristenattraktion, die für ein Eintrittsgeld besichtigt werden konnte.
Wer auch gerne einen Zeppelin an seinen Tannenbaum hängen möchte kann diesen Baumschmuck übrigens immer noch von einer Glashütte in Lauscha erwerben, die diesen in alter Tradition aus „mundgeblasenem Glas und handbemalt mit viel Liebe zum Detail“ herstellt.
Inventar-Nummer 1990-0036
Datierung um 1930
Maße Länge 11,5 cm, Breite 3,5 cm
Material Glas
Museumsobjekt des Monats November 2011
Puppe "Bärbel"
Viele Dinge begleiten uns viele Jahre lang und wir verknüpfen besondere Erinnerungen mit ihnen. Dies trifft besonders auf Objekte aus der eigenen Kindheit zu.
Die meisten Erwachsenen können sich noch heute gut an ihren Lieblingsteddy oder ihre Lieblingspuppe erinnern. So hatten nach einer Studie aus dem Jahr 2007 der Stiftung „Chancen für Kinder durch Spielen“ von den 85 % der 16- bis 69-Jährigen, die mit einem eigenen Stofftier oder einer eigenen Puppe aufgewachsen sind, über zwei Drittel einen „Hauptgefährten“. Während die jüngeren der Befragten dabei sicherlich die Wahl hatten – war für die Älteren der Lieblingsteddy häufig auch der einzige Teddy. Dies gilt besonders für die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen. Puppen und Kuscheltiere aus dem „Laden“ waren teuer und die Kinder hatten dementsprechend auch „nur“ einen Gefährten. Besonders mit den Puppen aus Porzellan oder Zelluloid mussten die Kinder zudem auch vorsichtig umgehen. Die Puppen verloren häufig die Gliedmaßen oder ihre Wimpern brachen ab. Dementsprechend gibt es viele Geschichten von erfolgreichen oder missglückten Reparaturversuchen an den geliebten Kindheitsgefährten.
Einer dieser kostbaren Gefährten ist jetzt neu in die Museumssammlung aufgenommen worden. Bevor die Puppe „Bärbel“ allerdings ins Industriemuseum Elmshorn kam, musste sie einen langen Weg zurück legen.
Die Reise der Puppe begann in den späten 1930er Jahren im Osten Deutschlands in der 1896 gegründete Puppen- und Spielwarenfabrik „Buschow & Beck“ die in Nossen in Sachsen und in Dzier?oniów/Reichenbach (Schlesien/Polen) ansässig war. Bekannt war die Firma eigentlich für ihre Puppen mit Köpfen aus Messingblech, die zum Schutz der Oberfläche mit Zelluloid überzogen wurden. Um 1900 ließ das Unternehmen dann den Markennamen „Minerva“ eintragen. Von nun an wurde allen Puppen ein kleines stilisiertes Bild einer Frau mit Helm, der römischen Göttin Minerva, auf Nacken oder Rücken eingeprägt. Ab 1907 stellte „Buschow & Beck“ neben den Metallkopfpuppen auch Puppen her, die wie „Bärbel“ gänzlich aus Zelluloid gefertigt waren. Die Puppenproduzenten aus dem Osten zählten übrigens zu den größten Konkurrenten des bekannten Puppenherstellers „Schildkröt“, der als Großkonzern Rohzelluloid an andere Firmen abgab. Als 1903 bekannt wurde, dass „Buschow & Beck“ selbst versuchte Zelluloid herzustellen, stellte „Schildkröt“ die Lieferung ein. Das kleinere Unternehmen überstand den Engpass bis ihre eigene Produktion des Kunststoffs gelang.
Das 1869 erfundene Zelluloid wird übrigens als der erste Kunststoff der Welt bezeichnet. Hergestellt wurde es aus dem hochentzündlichen und explosiven Cellulosenitrat ("Schießbaumwolle") und Kampfer. Im Spritzgußverfahren konnten aus Zelluloid Produkte hergestellt werden, die das Aussehen und die Haptik von natürlichen Werkstoffen wie Elfenbein, Bernstein, Horn oder Schildpatt imitierten. Revolutionär aber war vor allem der Einsatz von durchsichtigen Zelluloidfilmen für die Foto- und Filmindustrie. Ab ca. 1900 wurden auch vermehrt Puppen aus Zelluloid gefertigt. Die Hersteller warben mit dem geringen Gewicht, der verbesserten Hygiene und der "Unzerbrechlichkeit" des neuen Materials. Allerdings war das Material trotz einiger Verbesserung nach wie vor leicht entzündlich und wurde mit der Zeit spröde und zerbrechlich. Ab den 1950er Jahren verdrängten neue, ungefährlichere Kunststoffe das Zelluloid, welches Anfang der 1960er Jahre in Deutschland für die Herstellung von Puppen verboten wurde.
Das blonde Puppenmädchen verließ aber schon weit vor dieser Zeit den Ort ihrer Herstellung und gelangte zur Spenderin. Sie bekam die Puppe Anfang der 1940er Jahre von ihren Großeltern zu ihrem sechsten oder siebten Geburtstag geschenkt und gab ihr den Namen „Bärbel“. Damals wohnte die heutige Elmshornerin noch mit ihren Eltern und ihren zwei jüngeren Schwestern in Stralsund. Und so blieb „Bärbel“ auch nicht lange allein. Die mittlere Schwester bekam später genau die gleiche Puppe, die jüngste Schwester ein etwas kleineres Modell geschenkt. Die Mädchen hingen sehr an ihren Puppen und nahmen sie immer mit wenn sie in den Sommerferien ihre Großeltern in Bad Oldesloe besuchten. Aufgrund des Verlaufes des Zweiten Weltkriegs und der vermehrten Luftangriffe verließ die Familie 1943 Stralsund und zog nach Bad Oldesloe. Für alle drei Schwestern war gleich klar, dass sie ihre Puppen nicht zurücklassen wollten und so kamen auch die drei Zelluloidpuppen mit nach Schleswig-Holstein.
Nach langer Sesshaftigkeit in Elmshorn ist „Bärbel“ nun erneut umgezogen – allerdings nur innerhalb des Ortes. Ende Oktober diesen Jahres spendete die Elmshorner Bürgerin ihre „Bärbel“ dem Industriemuseum Elmshorn. Hier sind die Puppe und ihre Geschichte auch in Zukunft gut aufgehoben. Sobald die Umbauarbeiten und Renovierungsarbeiten im Konrad-Struve-Haus der Ortsgeschichte abgeschlossen sind wird „Bärbel“ dann dort dauerhaft ausgestellt sein. Wer die weitgereiste Puppe allerdings schon früher kennenlernen möchte kann dies im November im Industriemuseum Elmshorn tun. „Bärbel“ wird einen Monat lang im Erdgeschoß des Industriemuseums zu sehen sein.
Inventar-Nummer: 2011-0538
Datierung: ca. 1930-1940
Höhe: 46,7 cm
Material: Zelluloid
Museumsobjekt des Monats Oktober 2011
Himpten
Fragende Blicke und verständnisloses Kopfschütteln waren die Reaktion auf meine Aussage: „das nächste Objekt des Monats wird der Himpten“. Und hätte man mich vor meiner kurzen Recherche gefragt, was denn bitte ein Himpten sei – ich hätte nicht die blasseste Ahnung gehabt. 
Das Exponat mit dem seltsamen Namen ist in der landwirtschaftlichen Abteilung im ersten Obergeschoß des Industriemuseums ausgestellt. Es handelt sich um einen schweren hölzernen Eimer mit drei schmiedeeisernen Füßen und ornamentalen, umlaufenden Eisenbeschlägen. Derartige Eimer, beziehungsweise Himpten, dienten überwiegend in Norddeutschland bis in die 1850er Jahre als ein Hohlmaß für Getreide. Im Grunde funktioniert so ein Himpten wie ein gewöhnlicher Messbecher. Anhand der Skalen kann man mit einem Messbecher ganz verschiedene Lebensmittel, wie etwa Mehl, Gries oder Zucker abmessen. Nun hat ein Himpten zwar keine Skala, aber das maximale Fassungsvermögen war genau festgelegt. Dementsprechend kann man mit dem Himpten aus dem Industriemuseum 50 Pfund Weizen, 50 Pfund Bohnen oder 35 Pfund Hafer abmessen. In den verschiedenen Regionen Deutschlands waren zum Teil auch andere Hohlmaße üblich – zum Beispiel Wispel, Stof oder Malter. Und auch das Fassungsvermögen des Himpten konnte je nach Region unterschiedlich ausfallen. So war ein Himpten in Schleswig-Holstein größer als in Hamburg aber kleiner als in Kassel.
Heute werden solche Getreidehohlmaße nicht mehr verwendet. Um 1900 wurden sie auf norddeutschen Bauernhöfen und Mühlenbetrieben von der Balkenwaage und vor allem von der sogenannten Dezimalwaage abgelöst. Der Vorteil der Dezimalwaage war, dass man wenige schwere Gegengewichte brauchte. So wiegen 10 Kilo an Gewichten auf der kleinen Seite der Waage 100 Kilo Getreide auf der großen Seite auf. Dieses Prinzip können Sie im Industriemuseum selber ausprobieren.
Bevor das Korn mit dem Himpten gemessen und an die Mühlen verkauft wurde, war der Arbeitseinsatz von vielen Männern, Frauen und auch Kindern erforderlich. Denn der Anbau und die Ernte von Getreide waren lange Zeit, wie alle landwirtschaftlichen Arbeiten, von Handarbeit und Körperkraft geprägt. Nach dem Pflügen, Eggen, Säen, Jäten und Ernten musste das Korn noch durch das Dreschen vom Stroh getrennt werden. Vor der Erfindung der Dreschmaschine war der Handdrusch mit dem Dreschflegel eine Aufgabe für den ganzen Winter. Die Garben wurden auf der Diele ausgelegt und drei bis vier Männer droschen nun auf die Ähren ein. Das Sprichwort „De fritt as so`n Schündrescher“ zeugt davon, wie viel Energie diese Arbeit kostete.
Mit der durch Pferde oder Dampf betriebenen Dreschmaschine war das Dreschen der gesamten Ernte nur noch eine Sache von wenigen Tagen. Die Maschinen gehörten meist Lohnunternehmern die mit angeheuerten Saisonarbeitern von Hof zu Hof zogen. Neben zwei oder drei Fachkräften waren über 20 ungelernte Arbeiter zum Betrieb der Dampfdreschmaschine notwendig. Die Dauerarbeitsplätze der ländlichen Facharbeiter gingen durch diese Maschinen verloren. Heutzutage werden die modernen Mähdrescher von nur einer Person gefahren.
Wenn Sie mehr über die Auswirkung der Industrialisierung auf den arbeitsintensiven Getreideanbau erfahren wollen besuchen Sie doch die landwirtschaftliche Abteilung im ersten Obergeschoß des Industriemuseums Elmshorn.
Inventar-Nummer: 1982-0017
Datierung: 1815
Maße: Höhe 40 cm, Durchmesser 39 cm
Material: Holz und Eisen
Museumsobjekt des Monats September 2011
Regenhaube im Etui
Klein, dunkelblau und unscheinbar kommt dieses Einstecketui aus Kunststoff daher. Doch wie bei den meisten Museumsdingen kann es uns einige Geschichten erzählen.
In dem Etui befindet sich eine sogenannte Regenschutzhaube aus einer dünnen, durchsichtigen Plastikfolie. Derartige Regenschutzhauben dienten überwiegend der weiblichen Bevölkerung zum Schutz ihrer Frisuren. Heutzutage sieht man sie nur noch selten in der Anwendung. Die Blütezeit der Regenschutzhauben fällt in die 1950er und frühen 1960er Jahre. In dieser Zeit ging der allergrößte Teil der Frauen wegen Dauerwellen und Wasserwellen in den Frisiersalon – und da Dauerwellen damals nach dem Waschen wieder in Form gelegt werden mussten, gingen auch viele Frauen zum Haare waschen in den Friseursalon. Dementsprechend bedeutete ein unerwarteter Regenschauer für viele Frauen eine verdorbene Frisur und einen Friseurbesuch. Erst seit den 1970er Jahren gibt es ein Dauerwellverfahren bei dem die Haare nach dem Waschen nur an der Luft getrocknet werden müssen, um sich von selbst in die richtige Form zu legen.
Die faltbare und leichte Regenhaube im schmalen Etui für die Handtasche war also ein durchaus praktischer Gegenstand und vermutlich auch ein gern genommenes kleines Werbegeschenk. Das eingeprägte Emblem in der Mitte des Etuis ist ein Hinweis auf die Herkunft der Regenhaube. Vor einem turmähnlichen Gebäude liegt ein Segelschiff, darunter steht die Jahreszahl 1820. Bei dem „Turm“ handelt es sich natürlich um das alte Fabrikgebäude der Elmshorner Köllnflocken Werke. Das 1820 gegründete Unternehmen Peter Kölln KGaA ließ vor allem in den 1950er bis 1970er Jahren verschiedene Werbegeschenke für seine Kunden herstellen.
Diese Geschenke sind nicht direkt mit den heutzutage üblichen Streuartikeln wie Kugelschreiber oder Fruchtgummitütchen zu vergleichen. Vielmehr handelt es sich um Aufmerksamkeiten für Geschäftspartner und Großkunden, für Angestellte anderer Unternehmen mit Schlüsselpositionen, wie zum Beispiel Werkstattleiter und so weiter. Außerdem wurden häufig die Handelsvertreter mit einem Sortiment an Werbegeschenken auf die Reise geschickt. Klassiker des damaligen Werbegeschenkgeschäftes waren beispielsweise Jahreskalender, Schreibmappen oder Taschenmesser. Wie und wann man diese Werbegeschenke am Besten bestellte und verteilte und vor allem wer wen beschenken durfte – diese Fragen wurden in dem 1959 erschienenen Buch „Das Werbegeschenk in Industrie und Handel. Werbeplan – Einkauf – Technische Fragen – Bezugsquellen“ von Karl-Heinz Lippold geklärt. Selbiger Autor äußert sich in seinem Buch auch über die sogenannten „Damengeschenke“, zu denen man auch unsere Regenhaube im Kunststoffetui zählt.
„Manchem Vertreter einer Werbegeschenkfirma wird entgegenhalten, daß das von ihm besuchte Unternehmen keine Damenkundschaft habe. Vor allen Dingen machen Firmen der Schwerindustrie, aber auch Baufirmen diesen Einwand. Sie vergessen wahrscheinlich, daß ihre Kunden meist eine ganz einflussreiche Sekretärin haben. Aber auch sonst dürfte dieses Argument nicht ganz stichhaltig sein. Jeder Geschäftsfreund freut sich, wenn er gelegentlich auch seiner Frau ein nettes Geschenk mitbringen kann. […] Zu den ausgesprochenen Damenartikeln gehören elegante kleine Brieftaschen, Geldbörsen, auch Damenschirme, Einkaufsnetze, Manicure-Etuis, Puderdosen, Parfüms, Regenhauben, Reisebügeleisen, Platzdecken und Servietten, Strumpftaschen, Schalen jeder Art, Vasen, Schals, Scheren- und Nähetuis, Schmuckdosen, Taschentücher, Tischdecken usw.“
Einige dieser aufgelisteten „Damenartikel“ finden sich auch in dem Sortiment von Werbegeschenken der Firma Peter Kölln, die das Industriemuseum Elmshorn in seiner Sammlung hat, wider. Für den Werbezweck entscheidend war dabei immer die sichtbare aber unaufdringliche Anbringung des Firmenschriftzuges. In den meisten Fällen wählte die Firma eine sogenannte Blindprägung (ohne Farbe) auf dem Geschenk oder auf dem Etui, in dem sich das eigentliche Geschenk befand.
Ein Hersteller solcher Taschen und Etuis, auch des vorliegenden Etuis, war das ebenfalls in Elmshorn ansässige Unternehmen Max Steier GmbH & Co. KG, auch bekannt als Steier-Plastik. Wie das ursprünglich auf den Handel von Lebensmittelgrundstoffen spezialisierte Unternehmen zu einem Produzenten von Artikeln aus Kunststoff-Folie wurde, erfahren Sie ab dem 16. September in der Sonderausstellung „Plastic World. Design und Alltagskultur 1967-1973“. Neben überwiegend runden und orangefarbenen Designklassikern und Alltagsgegenständen aus Kunststoff können Sie hier im „lokalen Fenster“ mehr zur Geschichte und zu den Produkten des vor 75 Jahren gegründeten Unternehmens erfahren.
Inventar-Nummer: 2011-0030-9
Datierung: 1950er-1960er Jahre
Maße: 5,5 x 9,5 cm
Material: Kunststoff-Folie
Museumsobjekt des Monats August 2011
Eisschrank
Draußen brennt die Sonne bis der Asphalt zu kochen beginnt, die Luft flirrt, der Schweiß strömt sturzbachartig – es ist Hochsommer und so mancher hitzeempfindlicher Geist beginnt ernsthaft darüber nachzudenken, ob er diese Nacht nicht doch einfach im Kühlschrank schläft. Doch auch der meistenteils eher milde und regnerische norddeutsche Sommer gibt Anlass zur Freude über eine eiskalte Limonade oder ein gut gekühltes Feierabendbier. Leider waren Kühlschränke lange Zeit lang wahre Umweltsünder mit ihrem hohem Stromverbrauch und der auf FCKW basierenden Kältetechnik. Deutlich stromsparender ist dagegen das Objekt des Monats August - der Eisschrank aus den 1920er Jahren kommt völlig ohne Elektrizität aus.
Der Form nach ähnelt der hölzerne Schrank einem modernen Kühlschrank. Hinter der zentimeterdicken Tür bietet sich ein fast gewohnter Blick. Auf drei verschiedenen Tableaus lassen sich die Lebensmittel lagern. Nur die Einlegeböden sind nicht aus Glas oder Kunststoff, sondern aus Holz. Im oberen Teil des Eisschranks befindet sich unter einer Klappe eine Zinkwanne die mit Eis befüllt wurde. Das Schmelzwasser sammelte sich in einer Rinne und lief durch eine Röhre in ein Sammelbecken in den unteren Teil des Kühlschrankes ab. Das Schmelzwasser musste regelmäßig unten durch einen kleinen Hahn abgelassen werden. Doch woher kam früher das Eis für den Eisschrank?
Noch bis in die 1950er Jahre hinein belieferte der Eismann Privathaushalte und Gastronomie mindestens einmal in der Woche mit dem sogenannten Stangeneis. Die bis zu 270 kg schweren Stangen bestanden entweder aus Natur- oder aus Kunsteis. Natureis wurde im Winter von zum Teil künstlich angelegten Seen und Teichen „geerntet“. Die mühsam aus der Eisdecke herausgesägten Blöcke wurden dann in großen Hallen bis in den Sommer hinein eingelagert. Doch diese Art der Eisproduktion hatte zwei große Nachteile. Zum einem war das Eis häufig verunreinigt und zum anderen hing die Eisernte vollkommen vom Wetter ab. Fiel der Winter zu mild aus konnte kein Eis eingelagert werden.
Ab 1876 war es dann möglich mit den von Dampfmaschinen angetriebenen Ammoniakkompressoren des Erfinders Carl von Linde künstlich Kälte und damit auch Eis zu produzieren. In den mit Dampfkraft betriebenen Kältemaschinen wurde Ammoniakgas unter hohem Druck verflüssigt. Das flüssige Ammoniak hatte eine Temperatur weit unter dem Gefrierpunkt von Wasser und wurde durch Kühlrippen geleitet, um Wasser zu Eis gefrieren zu lassen. Mit diesem Verfahren konnten aus Trinkwasser gleichmäßige Eisstangen oder –blöcke hergestellt werden, die allerdings deutlich teuerer als natürlich gewonnenes Eis waren.
Im Elmshorner Adressbuch von 1896 findet sich unter der Rubrik „Eis-Fabriken“ als einziger Eintrag die Export-Brauerei „Christian Engelbrecht & Söhne“ in der Reichenstraße 8. Wie kommt es nun, dass die Elmshorner Brauerei auch Eis herstellte? Bierbrauereien haben einen großen Bedarf an Eis bzw. Kälte, da Bier vor der Hefezugabe und dem damit eingeleiteten Gärprozess auf eine Temperatur zwischen 5 und 20 Grad heruntergekühlt werden muss. Dementsprechend konnten sich Groß- und Exportbrauereien erst ab 1876, nach dem Durchbruch der Kältetechnik von Carl von Linde entwickeln. Brauereien konnten also mit ihren Kältemaschinen, die für den Brauvorgang notwendig waren, natürlich auch Eis herstellen und dieses an Privathaushalte, Gaststätten und Kneipen verkaufen.
Basierend auf der Technik von Linde wurden in den 1920er Jahren schließlich auch die ersten Kühlschränke für Privathaushalte auf den Markt gebracht. Allerdings musste zunächst das ätzende und übelriechende Ammoniak durch andere Chemikalien ersetzt werden. In den USA setzte sich der Kühlschrank so rasant durch, dass 1937 schon in jedem zweiten amerikanischen Haushalt ein elektrischer Kühlschrank stand. In Deutschland verzögerte sich diese Entwicklung vor allem auch durch die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Erst in den 1950er Jahren wurde der stromlose Eisschrank endgültig durch den elektrischen Kühlschrank verdrängt. Der Eismann belieferte allerdings noch bis in die 1960er Jahre hinein Gastronomiebetriebe mit Stangeneis für die Kühlung von – natürlich – Bier…
Inventar-Nummer: 1999-0265
Datierung: 1920er Jahre
Maße: 119 x 59 x 56 cm
Material: Holz, Glas, Metall
Hersteller: Bing Bavaria
Museumsobjekt des Monats Juli 2011
Fernsprechtischapparat

Was hat keine Wählscheibe und kein Tastenfeld aber man kann trotzdem damit telefonieren? Nein, gemeint ist kein Smartphone mit Touchpad – es handelt sich bei dem Objekt des Monats Juli um einen Fernsprechtischapparat mit Handkurbel. In Zeiten in denen Jugendliche schon von einer Wählscheibe befremdet sind und verzweifelt in die Löcher der selbigen tippen (so beobachtet von einem Freund des Industriemuseums) stellt der Anblick eines Kurbeltelefons jüngere Besucherinnen und Besucher vor ein Rätsel.
1872 meldete der US-Amerikaner Alexander Graham Bell einen Telefonapparat zum Patent an, der auf der Erfindung des deutschen Phillipp Reiss basierte. Um 1900 kamen die ersten Fernsprechtischapparate auf den Markt, bei denen Hör- und Sprechelemente in einen Hörer zusammengefasst waren. Die am Apparat befindliche Kurbel musste gedreht werden und es meldete sich eine Telefonistin, die die gewünschte Verbindung herstellte.
Die Tätigkeit der Telefonistin entwickelte sich ab Ende des 19. Jahrhunderts als ein neues Berufsfeld für Frauen. Das die weibliche Beschäftigung in die Männerdomäne der Reichspost Einzug hielt ist auf verschiedene Aspekte zurück zu führen. Die ersten Vermittlungsstellen waren noch ausschließlich mit männlichen Postbediensteten, in der Regel Beamten besetzt. Mit dem Ausbau des Telekommunikationsnetzes wuchs auch der Bedarf an Arbeitskräften an den sogenannten Klappenschränken, der zunächst noch mit männlichen Hilfskräften gedeckt wurde. Als ab 1887 versuchsweise die ersten weiblichen Hilfskräfte eingestellt wurden, konnten diese sich schnell an dem neuen Arbeitsplatz behaupten. Es wurde allgemein anerkannt, dass die höhere Stimmlage für bessere Verständlichkeit und Frauen eine mäßigende Wirkung auf die Kunden hätten. Der männlich dominierte Arbeitsplatz wurde innerhalb kurzer Zeit zu einem Frauenberuf und so ist der Ausdruck „Fräulein vom Amt“ noch heute vielen ein Begriff. Der ausschlaggebende Grund für die verstärkte Beschäftigung von Frauen war, wie bei den meisten weiblichen Arbeitsplätzen, der Kostenfaktor. Obwohl die jungen, unverheirateten Vermittlungsbeamtinnen über eine gute Schulbildung verfügten und aus der gehobenen Bevölkerungsschicht stammten, wurden sie schlechter bezahlt als geringer qualifizierte männliche Hilfsarbeiter. Herkunft und Bildung der Telefonistinnen erleichterte den Frauen den Umgang mit ihren Kunden, da die Benutzung des Telefons zunächst überwiegend Repräsentanten aus Industrie, Handel, Banken und Verwaltung vorbehalten war. So waren von den 72 Unternehmen und Personen die 1896 an der „Stadt-Fernsprecheinrichtung in Elmshorn“ teilnahmen, die meisten Fabrikanten, Kaufleute und Ärzte.
Mit der Entwicklung der automatischen Verbindungstechnik verschwand das Berufsbild der Telefonistin nach und nach. Das erste automatische Ortsamt wurde 1908 in Betrieb genommen, die Umstellung des gesamten deutschen Ortsnetzes war allerdings erst 1966 abgeschlossen.
Das schwere Handkurbeltelefon aus schwarz lackiertem Metall, Holz und Bakelit ist im Erdgeschoss des Industriemuseums Elmshorn ausgestellt. Sie finden es in der Inszenierung des Kontors einer Lederfabrik. Hergestellt wurde das Stück Telekommunikationsgeschichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den 1899 gegründeten Telefonwerken Neufeldt und Kuhnke. Das Kieler Unternehmen, besser bekannt unter dem Namen Hagenuk, produzierte in den 1970er Jahren auch den orangefarbenen Wählscheiben-Klassiker „FeTAp 61“ aus Kunststoff. Diesen kultverdächtigen Telefonapparat können Sie ab dem 17. September 2011 auch in der neuen Sonderausstellung des Industriemuseums „Plastic World – Design und Alltagskultur 1967-1973“ bewundern.
Noch ein Tipp für alle Kinder die gerne mal eine Wählscheibe rotieren lassen wollen: Beim Kindergeburtstagsprogramm „Was ist das denn? Vergessene Dinge neu entdeckt - mit Bertha auf Schatzsuche“ könnt ihr nicht nur ein altes Wählscheibentelefon, sonder auch eine alte Schreibmaschine ausprobieren!
Inventar-Nummer: A 0360
Maße Gehäuse: 20 x 13 x 18 cm
Material: Holz, Metall, Bakelit
Hersteller: Telefonwerke Neufeldt und Kuhnke, Kiel (heute: Hagenuk)
Herstellungsnummer: 1531
Museumsobjekt des Monats Juni 2011
Elektrischer Krawattenbügler
Was mag es sein – ein futuristisches Elektro-Schwert, ein beheizbares Buttermesser für den Großverbraucher oder ein elektrostatischer Staubmagnet für unzugängliche Wollmaushabitate hinter Schränken und Heizungen?
Keine dieser Mutmaßungen trifft auf dieses Museumsobjekt aus dem Magazin des Industriemuseums zu – wenn es auch gleichermaßen skurril ist: ein Krawattenbügler. Wie der Reise-Bügelfaltenbügler ist auch der Krawattenbügler ein Kind der voranschreitenden Elektrifizierung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Insbesondere in den 1950er Jahren gab es Bemühungen für nahezu jede im Haushalt anfallende Arbeit ein elektrisches Gerät herzustellen.
Im europäischen Raum nutze man zum Glätten verknitterter Wäsche bis in das 15. Jahrhundert hinein ausschließlich Instrumente, die mit mechanischem Druck arbeiteten. Zu den ältesten dieser Geräte gehörten die sogenannten „Glätt“- oder „Gniddelsteine“. Sie wurden mit starkem Andruck solange über angefeuchtete oder gestärkte Wäschestück gestrichen, bis dieses glatt und glänzend wurde. Glättsteine sind in mehreren Formen und Materialien bekannt. Zumeist bestehen sie aus farblosem, grünem oder schwarzem Glas. Die ältesten Fundstücke stammen aus dem 5. bis 8. Jahrhundert nach Christus. Zum Glätten der Kleidung blieben die Glassteine in manchen Regionen bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Mit der Verbreitung der Bügeleisen wurden die Glättsteine häufig noch zum Stopfen von Strümpfen und auch zum Zerreiben von Gewürzen gebraucht. Im Schaumagazin im Konrad-Struve-Haus der Ortsgeschichte sind nicht nur ein solcher „Gniddelstein“, sondern auch verschiedene Mangelbretter ausgestellt.
Mit Mangelbrett und Rollholz wurde nur Leinenwäsche geglättet. Zum Mangeln wurde die leicht befeuchtete Wäsche zur Schonung in ein Rolltuch gehüllt und fest um die Mangelrolle gewickelt. Mit dem Mangelbrett wurde diese Rolle dann mit Druck hin- und hergerollt, wodurch das Wäschestück dann geglättet wurde. Mangelbrett und Rollholz waren häufig aufwändig bemalt und mit figürlichen Schnitzereien versehen. Es handelte sich dabei nämlich nicht nur um ein Gerät mit dem man die kostbare Leinenwäsche glättete, sondern auch um ein Brautgeschenk. Im besten Fall hatte es der zukünftige Ehemann selber für die Braut angefertigt.
Zum Glätten von Leibwäsche und Wollstoffen dienten die verschiedensten Plätt- oder auch Bügeleisen, die ab dem 15. Jahrhundert belegt sind. Es handelt sich um massive Metallplatten mit einem Griff, in der Form den modernen Bügeleisen ähnlich, die direkt in der Glut oder auf der Ofenplatte erhitzt wurden. Im Laufe des späten 17. und beginnenden 18. Jahrhundert wurden die ersten hohlen Plätteisen entwickelt, die mit Kohle oder in der Glut erhitzten Metallstücken befüllt wurden. Bis zum Siegeszug des elektrischen beheizten Bügeleisens gab es noch mehrere verschiedene Patente um das Bügeln zu erleichtern. Besonders lang hielt sich das mit Gas beheizte Bügeleisen, das mittels eines Schlauchs direkt an den Gashahn angeschlossen war.
Der Krawattenbügler aus dem Magazin des Industriemuseums stammt vermutlich aus den 1950er Jahren. Völlig überflüssig ist der Krawattenbügler aber nicht, denn Krawatten können nicht ohne weiteres gebügelt werden. Das Waschen und Bügeln von hochwertigen Krawatten ist eine delikate Angelegenheit von der Krawattenliebhaber abraten. Eine verknitterte Krawatte kann mit einem Bügeleisen zwar wieder geglättet werden – allerdings verliert sie dadurch auch ihr charakteristisches Volumen. Besser sind Dampfstöße mit dem Dampfbügeleisen ohne die Krawatte mit dem Bügeleisen zu berühren. So erklärt sich die Erfindung des Krawattenbüglers. Der aufgeheizte Metallkörper wird in das Innere der Krawatte eingeführt und durch Glattstreichen auf der heißen Fläche sollte der Stoff dann zum einen schonend von Innen geglättet und die Krawatte in Form gebracht werden ohne Volumen einzubüßen. Dennoch – durchgesetzt hat sich dieses Gerät nicht und so ist es nicht mehr im Handel erhältlich. Wer ein wahrer Krawattenfreund ist bindet seine Krawatte allerdings jedes Mal neu, löst den Knoten gleich nach der Abnahme und achtet auf eine „artgerechte“ Aufbewahrung.
Inventar-Nummer 2004-0160
Länge: 55 cm
Material: Aluminium und Holz
Museumsobjekt des Monats Mai 2011
Tretkurbelrad
Es ist massiv, schwer und laut und kaum jemand würde heute noch auf die Idee kommen mit diesem Gefährt auch nur einen Meter weit zu fahren. Dabei hat es doch allen modernen Komfort den es benötigt: Schutzbleche, höhenverstellbare Tretkurbel, Schleifbremse, eine Halterung für die Anbringung einer Vorderlampe, einen ehemals gepolsterten Sattel, der je nach Beinlänge des Fahrers auf einer langen Blattfeder verschiebbar ist und zwei solide mit Bandeisen beschlagene Speichenräder aus Vollholz. Nein, dieses Zweirad ist wirklich kein Drahtesel – es ist vielmehr ein Eisenross und bringt 25 Kilogramm auf die Waage.
Hergestellt wurde das eiserne Fahrrad in der Pinneberger Maschinenfabrik der drei Gebrüder Schlüter, die dort unter anderem auch sogenannte Tretkurbelvelocipede bauten. Die 1864 von Maximilian Schlüter als Eisengießerei gegründete Fabrik musste jedoch wegen des Arbeitskräftemangels im Deutsch-französischen Krieg 1870/71 bereits wieder geschlossen werden.
Die Idee den Vorderrädern der hölzernen Laufräder, oder auch Draisinen, eine Tretkurbel zu verpassen stammte aus Frankreich. 1867 stellte der Wagenbauer Pierre Michaux seine „Michauline“ auf der Pariser Weltausstellung vor – von da an verbreitete sich die neue Antriebsidee dann im übrigen Europa. Die Fortbewegung auf den Tretkurbelrädern war nichts für Ungeübte: die Straßenverhältnisse waren schlecht und das Radeln allein schon aufgrund des hohen Gewichts des Rades selber sehr anstrengend. Diese neue Art der Fortbewegung wurde nicht als Fahren, sondern als Reiten bezeichnet. So kam auch der Name des ältesten Radfahrvereins der Welt zustande: der am 17. April 1869 gegründete „Eimsbüttler Velozipeden-Reit-Club“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten auch die Gebrüder Schlüter aus Pinneberg, die sich, wie viele andere Velocipedenfabrikanten nach ihnen, von ihrer Vereinsunterstützung eine höhere Popularität des Sports und damit auch eine erhöhte Nachfrage nach ihren Produkten erhofften.
Der Verein, der sich im Jahre 1881 den neuen Namen „Altonaer Bicycle-Club“ gab, hatte in seinen Vereinsstatuten und im Reitreglement festgelegt wie man sich als Vereinsmitglied im Straßenverkehr zu verhalten hatte. Dazu gehörten zum Beispiel das vorsichtige Umfahren von Frauen, Kindern und älteren Menschen, sowie ein besonders umsichtiges Vorgehen beim Kontakt mit Pferden, um diese nicht zu erschrecken.
Um die Geschwindigkeit der Fahrräder zu erhöhen wurden die Vorderräder immer größer. Die eisernen Hochräder wiesen jedoch eine große Unfallgefahr auf. Die Lösung brachte erst die Entwicklung des „Sicherheits-Niederrades“. Das Rad hatte wieder ein kleines Vorderrad und war dennoch dank Kettenantrieb mit einer speziellen Übersetzung schnell. Mit der Erfindung der Luftbereifung 1888 von J.B. Dunlop gelang dem Niederrad der endgültige Durchbruch.
Die sportliche Betätigung mit den Zweirädern war zunächst ein Privileg der Männer der oberen Schichten. Auch in dem ersten „Elmshorner Radfahrer-Verein von 1887“ kamen die Mitglieder ausschließlich aus dem mittleren und gehobenen Bürgertum. Den Frauen war im 19. Jahrhundert aufgrund der herrschenden Moralvorstellungen und der Kleiderordnung das Radfahren nicht gestattet. Auch die Arbeiter blieben ausgeschlossen, da einerseits die Preise für Fahrräder zu hoch waren und andererseits eine scharfe Trennung zwischen Bürgertum und Arbeiterschicht herrschte. Erst mit der Verbilligung der Fahrräder um 1900 schlossen sich auch Arbeiter in Radfahrvereinen zusammen wie im 1896 gegründeten Elmshorner Arbeiter Radfahrer-Verein „Vorwärts“.
Seit nunmehr 77 Jahren befindet sich dieses sogenannte „Tretkurbelvelocipid“ nun schon in der Elmshorner Museumssammlung. Am 3. Mai 1934 wurde es von der Elmshornerin Frau Keller gespendet, die dazu angab es sei das älteste Fahrrad, das in Elmshorn je benutzt worden sei. Das Tretkurbelrad gehört ebenso wie ein Hochrad zu den Highlights der Sammlung und wird seit nunmehr 20 Jahren von Jung und Alt in der Dauerausstellung des Industriemuseums bestaunt. Anlässlich des 20jährigen „Geburtstags“ des Industriemuseums findet übrigens am 29. Mai ein Kunsthandwerkermarkt mit Aktionsständen für Groß und Klein von 10.00 bis 17.00 Uhr im Industriemuseum statt.
Wer aber noch mehr über die spannende Geschichte der Fahrräder wissen möchte, sollte im Fahrradmuseum „Räder unter Reet“ der Fahrradgruppe Rückenwind in Horst-Hahnenkamp vorbeischauen. Übrigens: auch die Fahrradgruppe Rückenwind kann diesen Monat feiern. Am 7. Mai 2011 existiert der Verein schon seit 30 Jahren. Dazu herzlichen Glückwunsch vom Industriemuseum – so ganz von Jubilar zu Jubilar!
Inventar-Nummer A 0142
Durchmesser Vorderrad: 72 cm
Durchmesser Hinterrad: 62 cm
Hersteller: W. Schlüter, Pinneberg
Ausgestellt in der Dauerausstellung des Industriemuseums
Museumsobjekt des Monats April 2011
Spielzeugtier Hase
Das in der Schausammlung im Konrad-Struve-Haus der Ortsgeschichte, einer Außenstelle des Industriemuseums Elmshorn, ausgestellte Häschen wurde nach Angaben des Herstellers „KERSA“ in den 1960er Jahren gefertigt. Die Stofftier- und Handpuppenmanufaktur wurde 1925 unter dem Namen „W. Walter KG.“ im böhmischen Lobositz (Lovosice) gegründet. Der tschechoslowakische Betrieb stellte Stofftiere her – überwiegend Zwerge und andere Figuren aus Filz und in geringerem Umfang auch Teddybären aus Plüsch. Im Jahr 1933 wird schließlich das Markenzeichen „KERSA“ mit dem Abbild einer gezeichneten Dame eingeführt.
1956 wird der Betriebsstandort nach Mindelheim in Schwaben verlegt. Die Warenzeichen aus Metall zeigten nach wie vor die Dame – doch von nun an hieß es „Kersa Made in Germany“. Unter dem Namen „Kersa Spielwaren-Atelier GmbH & Co. KG“ stellt das Unternehmen mittlerweile ausschließlich Handpuppen in Handarbeit her.
Der kleine Hase hat einen Körper aus Filzstoff und einen Kopf aus Mohairplüsch. Dank seiner großen Füße mit eingearbeiteten Pappsohlen kann er eigenständig, wenn auch ein wenig windschief stehen. Bekleidet ist er mit einer kurzen grünen Hose mit roten Hosenträgern aus Filzstoff und mit einem weißen Hemd aus Baumwolle – an den Füßen trägt er rote Schuhe aus Filz mit weißen Söckchen.
In den 1950er Jahren produzierte „Kersa“ auch ein richtiges Osterhasenpärchen aus Filzstoff. Die Kleidung des männlichen Osterhasen war nahezu identisch mit der des Hasen aus der Sammlung des Industriemuseums. Unterschiedlich ist vor allem Form und Material des Kopfes. Während unser Häschen einen runden Kopf aus Plüsch auf seinem Filzkörper trägt, hatte der Osterhase einen länglichen, „erwachseneren“ Kopf aus Filz. Auf dem Rücken trug das Osterhasenpärchen einen großen Korb - der entweder leer oder bereits mit Ostersüßigkeiten gefüllt mit den Hasen über die Ladentheke ging.
Der Osterhase als eierversteckender Gabenbringer stammt aus Deutschland und musste sich zunächst gegen die Konkurrenz durchsetzen – so war zum Beispiel in Teilen von Westfalen der Fuchs, in Thüringen der Storch und in Böhmen der Hahn der ursprüngliche österliche Eierlieferant. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert konnte sich der Hase jedoch endgültig durchsetzten, was nicht zuletzt auch an seiner kommerziellen Verwendung in der Populärkultur lag. Deutschsprachige Auswanderer verbreiteten den Glauben an den Osterhasen auch außerhalb Europas, besonders in den USA konnte der dort als „Easter Bunny“ bezeichnete Fellträger eine gewisse Popularität erreichen. Mit der Übersetzung wurde unser langohrige Osterhase dort zum kleineren Osterkanninchen („Bunny“ statt „Hare“).
Eine schlüssige und eindeutige Erklärung für den eierbringenden Hasen gibt es bis heute nicht. Schriftlich belegt ist er allerdings schon seit dem späten 17. Jahrhundert.
Der christliche Brauch verzierte und bemalte Eier zu Ostern zu verschenken ist auf verschiedene historische Tatsachen rund um das christliche Fasten zurückzuführen. In der vierzigtägigen Fastenzeit vor Ostern verzichteten viele Christen auf den Verzehr von Fleisch. Unter das Abstinenzgebot fielen früher häufig auch Eier und andere tierische Produkte. Zu einer grundsätzlichen Freude über das zurückerhaltene Lebensmittel kam ein Eierüberschuss, der dazu führte, dass im Frühjahr der „Zehnt“ immer am Gründonnerstag in Form von Eier gezahlt wurde. Bei dem Zehnt handelte es sich um eine mittelalterliche Steuerabgabe der Bauern an ihre Grundherren.
Inventar-Nummer 2009-0151
Höhe: 28 cm
Hersteller: KERSA
Ausgestellt in der Schausammlung des KSH
Museumsobjekt des Monats März 2011
Dampfmaschine 1990/0337
Die im Industriemuseum Elmshorn ausgestellte Dampfmaschine wurde 1952 von der Rheinmetall-Borsig Aktiengesellschaft gebaut. Borsig war eine deutsche Maschinenbaufabrik mit Sitz in Berlin. 1840 fertigte Borsig die erste eigene Dampflokomotive an, später wurde das Unternehmen zeitweise der größte Lokomotivenlieferant in Europa, fertigte aber auch Dampfmaschinen.
Eine dieser Dampfmaschinen steht nun im Industriemuseum im Eingangsbereich. Nach der schweren Sturmflut 1962 erwarb die Hefefabrik Asmussen in Elmshorn diese stehende Kapsel-Dampfmaschine, um bei Stromausfällen (z.B. durch Überflutungen) selbst Strom produzieren zu können. Diese Dampfmaschine treibt also nicht mehr über das Schwungrad mit Hilfe von Transmissionen Maschinen an, sondern einen Generator zur Stromerzeugung. Im Kesselhaus musste mit Kohlenfeuerung genügend Dampf als Antriebsenergie für die Dampfmaschine erzeugt werden. Hier arbeitete der Heizer in Dampf und Hitze.
Das Industriezeitalter begann mit der Dampfmaschine, die die erste eigenständige Antriebsmaschine in der Geschichte der Technik war. Die Dampfmaschine war nicht an einen Standort gebunden wie zum Beispiel das Wasserrad und erzeugte eine gleichmäßige Antriebskraft, die keinen Schwankungen unterworfen war.
1783 wurde in Deutschland die erste Dampfmaschine in Betrieb genommen. In den eher landwirtschaftlich geprägten Herzogtümern Schleswig und Holstein erfolgte der erste Dampfmaschineneinsatz jedoch erst 1824 in einer Tuchfabrik in Neumünster. Insgesamt scheuten zunächst viele Fabrikanten die hohen Investitionen, so dass in den Herzogtümern Dampfmaschinen erst ab Ende der 1830er Jahre zunahmen. Eingesetzt wurde die neue Antriebsart zunächst vor allem in Ölmühlen, Kornmühlen, Eisengießereien, Zuckerraffinerien und Textilfabriken.
In Elmshorn begann das Dampfzeitalter 1838 in einer Papierfabrik am Mühlendamm. Weitere Dampfmaschinen folgten 1842 in der Ölmühle von Michel Junge am Alten Markt und bis 1844 in zwei Kornmühlen. Im Jahr 1854 existierten fünf „Dampf-Branntweinbrennereien“ und die „Mechanische Weberei Elmshorn“ war bei ihrer Gründung 1855 gleich mit Dampfkraft ausgerüstet.
Die Museums-Dampfmaschine steht jetzt seit 20 Jahren im Gebäude in der Catharinenstraße. Der Abbau bei der Firma Asmussen, der Transport ins Museum und der Aufbau war schwierig, fast wäre das Projekt seinerzeit gescheitert. Der ehrenamtliche Museumsmitarbeiter Gerd Schuldt war mit einem Mechaniker 45 Stunden allein mit der schwierigen Demontage beschäftigt. Mithilfe des Technischen Hilfswerks und des Betriebshofes erfolgte die Verladung der zerlegten Dampfmaschine auf zwei LKWs. Ein großer Kranwagen des THW fuhr auf den kleinen Innenhof des Industriemuseums und lud die Einzelteile von den Lastern auf so genannte Panzerrollen. Ein eigens im Gebäude angebrachter Stahlträger ermöglichte den Aufbau der Maschine. Das Oberteil musste mittels eines Hubzuges hochgezogen werden, damit das Unterteil daruntergezogen werden konnte. Das Oberteil wiegt ca. 2 Tonnen.
Bei Führungen kann die Dampfmaschine vorgeführt werden, allerdings mit einem Trick: ein Elektromotor und nicht Dampfkraft treibt die Maschine an.
Zylinderdurchmesser: 346/346 mm, 250 mm HUB
Frischdampf-Druck: 12 Atü, Gegendruck 0,5 Atü
Frischdampf Temperatur: 300° C
Ind. Leistung: 565 PS bei 500 Umdrehungen die Minute
Fabriknummer: 25-8853
Baujahr: 1952/64
Museumsobjekt des Monats Februar 2011
Aquarell "Der Turm von Elmshorn 1881" von Heinrich Lange
Über 200 Jahre hatte die 1660 wieder errichtete Elmshorner Nikolaikirche keinen Turm. Erst 1880/81 erfolgte der Bau des neugotischen Kirchturms nach einem Entwurf von Eberhard Hillebrand, Hannover. Wie viele Einwohnerinnen und Einwohner war auch Heinrich Lange stolz auf das neue Bauwerk und hielt die neue Ansicht der St. Nikolaikirche von der Marktstraße aus in einem Aquarell fest.
Rechts ist das Schaufenster des Hutmachers M. Kruse dargestellt. Vor der Kirche fährt ein offener Zweispanner, links davon ein Mann der anscheinend eine qualmende Zigarre in der Hand hält. Der Maler Heinrich Lange hat sich vermutlich auf diesem Bild selbst mit dargestellt: ganz rechts ist ein gebeugter alter Mann mit weißen langen Haaren und Gehstock zu sehen. Heinrich Lange war zur Zeit des Turmbaus bereits 66 Jahre alt.
Heinrich Lange wurde am 4. April 1815 in Elmshorn unehelich geboren. Er verdankte sein Leben einer romantischen Liebesgeschichte mit tragischem Ende. 1813/14 war Elmshorn von den Kosaken besetzt und ein russischer Offizier verliebte sich in „das schönste Mädchen des Ortes Anna Abel Wortmann“. Die Eltern des Offiziers verhinderten die Heirat, so dass Heinrich als Stiefsohn des Schuhmachers Lange aufwuchs. Er erhielt Privatunterricht bei der Malerin Henriette Morthorst, der Tochter des Fleckensgevollmächtigten. 13 Gemälde von Lange sind im Museumsbestand und zeigen Ansichten von Elmshorn im 19. Jahrhundert. Heinrich Lange übte viele Tätigkeiten aus, unter anderem fuhr er den Kugelpostwagen, betrieb ein Fuhrgeschäft, betätigte sich als Gastwirt und gründete den Theaterverein "Thalia". Er verstarb im hohen Alter von 97 Jahren am 26. Mai 1912.
Das Aquarell stammt aus dem Nachlass der Heimat- und Familienforscherin Grete Athen, die im Mai 2010 im Alter von 98 Jahren verstorben ist. Bereits als Jugendliche erweckte das Geheimnis von sechs Truhen auf dem Dachboden des Elternhauses in der Elmshorner Kirchenstraße das Interesse an der Heimatgeschichte. Bis weit in das neunte Jahrzehnt war die sehr versierte, fleißige Grete Athen aktiv und hinterließ dann auch ein umfassendes Archiv und eine lange Reihe von Veröffentlichungen.
Das Aquarell „Der Thurm von Elmshorn 1881“ ist im Konrad Struve-Haus der Ortsgeschichte in der Bismarckstraße 1 ausgestellt. Weitere fünf Ansichten Elmshorns von Lange sind als Reproduktionen ebenfalls in der Schausammlung zu finden. Die Originale befinden sich aus konservatorischen Gründen im Magazin des Industriemuseums Elmshorn.
Künstler: Heinrich Lange
Datierung: 1881/82
Inventarnummer: 2010-0127
Größe im Rahmen: H 69 cm x B 52 cm






